Wenn man so viel Englisch brabbelt, geht’s manchmal durcheinander. Heißt es im Deutschen Respekt vor oder für etwas oder jemanden? Man hört viel für, aber stimmt das eigentlich?

Respekt vor schlägt Respekt für

Bei den lieben Tieren geht es doch: Respekt voreinander zu haben © Pixabay

(6.9.19, Aktualisiert am 9.9.20) Es ist eins der großen Schlagwörter dieser Zeit: Der Respekt, den jeder verdient. Sie werden es auch schon festgestellt haben: Man hört viel vom „Respekt für etwas“, z.B. hier bei der Grünen-Politikerin Renate Künast in einem Tweet:

Ich habe Respekt für traditionelle Werte

Und dann erinnern Sie sich schwach an den Deutschunterricht. Da war doch was. Sollte man nicht Respekt vor etwas (oder jemandem) haben, dem Lehrer zum Beispiel? Also in diesem Fall:

Ich habe Respekt vor traditionellen Werten.

Ein anderes Beispiel aus dem Fußball, ein Tweet des FC-Bayern, klingt nicht ganz so falsch, sondern fast schon normal:

Respekt für Eure Leistung.

Respekt vor Eurer Leistung

dagegen klänge schon gespreizt, nicht wahr?

Sie können auch schon den Hashtag #Respekt für verwenden – der tweetet sich ganz ungeniert. Doch es ist nicht nur Twitter. Auch andere Medien nutzen das für, s. hier die Welt, hier die FAZ und hier die Süddeutsche Zeitung.

Respekt – die Lösung

Was stimmt denn nun? Und wie konnte es zum Wechsel von Dativ zu Akkusativ kommen?

Technisch gesehen ist der Dativ mit Respekt vor korrekt, wenn Sie einen Blick in den Duden werfen wollen:

Die Definition geht so:

1. eine auf Anerkennung oder Bewunderung beruhende Achtung, bzw.

2. eine Scheu vor jemandem aufgrund seiner höheren, übergeordneten Stellung, die sich in dem Bemühen äußert, kein Missfallen zu erregen.

D.h. in aller Regel haben wir es beim Respekt für mit der ersten Bedeutung zu tun. Als Beispiel wird genannt:

Respekt vor jemandem, etwas haben

Und auch diesmal wieder die Frage nach der Ursache. Drei Thesen:

1. Wird die Sprache simpler?

Reduktion von Komplexität, oder einfacher gesagt: Einfachheit in der Kommunikation liegt seit Jahren im Trend. So wie der Genetiv vor dem Dativ zurückweicht, geht der Dativ zugunsten des Akkusativs zurück – getreu der allgemeinen Beobachtung, dass sowohl Wortschatz als auch Syntax kontinuierlich kleiner resp. simpler werden.

2. Ist es ein Übersetzungsfehler?

Im Englischen, bekanntlich die Verkehrssprache der Neuzeit, spricht man von respect for, siehe hier den Webster online. Wir wissen, wie sklavisch die Deutschen wörtlich zu übersetzen pflegen. Wenn man viel in der anderen Sprache steckt oder sie sehr präsent ist, fangen die Kleinigkeiten an, ineinander zu verschwimmen. Dazu gehören die Präpositionen. Und zack – hat man die Präposition verändert. For macht aus vor für.

3. Zeigt sich ein Kulturwandel?

Einen interessanten Gedanken fand ich hier: Demnach drückt „Respekt vor jemandem“ etwas überspitzt einen Akt der Unterwerfung aus, wie er auch in der Definition des Duden durch das Wort Ehrfurcht zum Ausdruck kommt.

Wir leben aber in der Welt der zunehmenden Gleichberechtigung. In diesem Sinn wäre für ein Indiz für diesen Kulturwandel. Gleichberechtigte stehen auf einer Stufe, keiner höher, keiner tiefer, auf Augenhöhe, wie so gern formuliert wird, und zollen einander Respekt für ihre Leistungen.

„Respekt für meine Rechte“/Kika

ZDF-Aktion „Respekt für meine Rechte“ – Wenn die englische Präposition 1:1 übernommen wird. (Bildschirmfoto)

Aktualisierung, 09.09.20: Meine inzwischen halbwüchsige Tochter hat gelegentlich sentimentale Anwandlungen, in denen es sie in die Geborgenheit der Kindheit zurückzieht. So landeten wir kürzlich bei Kika, kuschelten uns auf dem Sofa ein und verfolgten eine Doku über Koalas. Dabei stieß ich auf die Aktion „Respekt für meine Rechte“.

Wie oben anmoderiert: Eigentlich wäre es

Respekt vor meinen Rechten.

 Gründe, Folgen, Prognose

Warum also nutzen ARD und ZDF eine andere Präposition? Da gerade ein Jugendsender versucht, seine Zuschauer mit der passenden Sprache abzuholen. Die Kids sind so sehr wie noch keine Generation vor ihnen über soziale Netze dem Englischen (und seiner Grammatik) ausgesetzt. So kann die Schlussfolgerung nur lauten: Respect for scheint hier durch, wurde – wie oft – eins zu eins übersetzt statt nach dem sprachlichen Äquivalent zu suchen und hat so auch hier zu Respekt für geführt.

Vielleicht spielt zusätzlich Anpassung eine Rolle: Wenn eine kritische Masse der Seher eine bestimmte Form verwendet, wird man sich dann im Sender noch trauen, eine andere zu verwenden? An dieser Stelle müsste man sich vernünftigerweise klarmachen, dass Sprache einer stillen (oder auch offenen) Übereinkunft folgt und der Gebrauch am Ende über die Richtigkeit entscheidet. Und dass Veränderung die einzige Konstante ist.

Ebenso muss man sich der faktenschaffenden Wirkung dieser Fassung bewusst werden: Wenn eine öffentlich-rechtliche Institution wie Kika von Respekt für spricht, werden die Kinder (und wohl auch die Eltern) die Formulierung als richtig empfinden und sich ohne weitere Überprüfung zu eigen machen. Wieso, werden sie sagen, habe ich doch auf Kika gesehen! Auf den Gedanken, dass dort auch nur Menschen arbeiten,

  • die in deutscher Grammatik womöglich nicht sattelfest sind,
  • darüberhinaus Angst vor Fehlern haben, wenn sie etwas frei übersetzen,
  • oder sich nur der Konvention fügen wollen,

kommt man ja nicht ohne Weiteres.

Prognose: Die Phrase „Respekt für“ wird sich rasch weiter ausbreiten und etablieren.

Mit Präpositionen kann auch im Zusammenhang mit Zahlen Verwirrung entstehen.

2 Responses to Heißt es Respekt für oder vor?
  1. […] Länder schreiben oder lesen, gebieten es die politische Korrektheit und der daraus abgeleitete Respekt, dass Sie die einheimische Bevölkerung nicht mehr einheimisch nennen. Auch wenn sie das ist, wird […]

  2. […] ich gehöre als Babyboomer zweifellos noch zu einer Generation, die ein Sie für Ausdruck von Respekt und angemessener Distanz hält. Selbst wenn sie bei Otto nicht mein Geburtsdatum kennen, könnten […]


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