Die Bildungsadjektive indigen und autochthon sind relativ neu im medialen Gebrauch und breiten sich aus. Doch was bedeuten sie? Beispiele und Gründe.

Indigen und autochthon – niemand versteht's.

Indigene Bevölkerung Boliviens. © ArturoChoque auf Pixabay

Die Welt ist bunt, alle Menschen gleich. Wenn Sie also heutzutage über andere Länder schreiben oder lesen, gebieten es die politische Korrektheit und der daraus abgeleitete Respekt, dass Sie die einheimische Bevölkerung nicht mehr einheimisch nennen. Auch wenn sie das ist, wird das manchenorts als herabwürdigend, arrogant oder, schärfer formuliert, kulturimperialistisch empfunden.

Ich frage Sie ganz direkt: Sie sind doch nicht etwa weiß und damit womöglich privilegiert? Machen sie sich klar, dass Sie das auf Kosten anderer sind. Daher war’s das mit dem Einheimischen, der nicht mehr so genannt werden darf, weil er wahrscheinlich poc (person of color) ist, ärmer als Sie und vermutlich insgesamt in unangenehmeren Umständen als Sie lebt. Vielleicht in politischen Wirren, unterjocht von einem Regime, ausgebeutet oder arbeitslos – Sie kennen die Bilder aus der Tagesschau. Bevor man Sie einen Rassisten schilt, erlegen Sie sich besser verbale Zurückhaltung auf!

Indigen – Bedeutung

Daher gehört es zum guten Ton, diese Personen als indigen zu bezeichnen. (Ich habe hier der Abwechslung halber auf die Nutzung des allgegenwärtigen Menschen verzichtet.) Der Duden übersetzt es uns ganz nüchtern mit

  • eingeboren
  • einheimisch.

Gut so. Mit diesem vornehmen fachsprachlichen Hüllwort vollziehen Sie einen einfachen Kunstgriff und stellen die Bevölkerung auf eine Stufe mit Ihnen. Und zwar, um ins Detail zu gehen, nicht, indem Sie sich anbiedern, sondern, im Gegenteil, indem Sie den anderen erhöhen. Das ist besonders fein und raffiniert. In der Realität ändert sich dadurch nichts, Sie bleiben Sie und die anderen bleiben die anderen. Aber Sie dürfen sich jetzt erleichtert fühlen, weil Sie angemessen gehandelt haben, würdevoll, umsichtig, höflich. Fühlen Sie sich schultergeklopft, das war sehr gut.

Sollte es sich bei den Einheimischen sogar um Ureinwohner handeln, also jene, die nicht in Städten in Wohnungen leben oder in Slums vor sich hin vegetieren müssen, sondern Bambushütten oder solche mit Lehmboden ihr Heim nennen; jene, die keine Hemden und Hosen tragen, sondern Lendenschurz oder Rentierfell; all jene also, die abseits der Zivilisation westlichen Zuschnitts in einfachen, natürlicheren Umständen leben, dann ist der Ausdruck indigen erst recht geboten. Vermeiden Sie es tunlichst, von einem Naturvolk oder Eingeborenen zu sprechen!

Indigen – Fundstellen

Weil niemand das Wort kennt, wird es gern falsch verwendet. z.B. hier bei Ntv:

Zuvor hatten Polizisten auf dem Gelände in der schwer zugänglichen indigenen Region Ngöbe Buglé 15 Menschen befreit.

Was will uns der Autor mit dieser Reihung sagen? Dass dort Ureinwohner leben? Dass die Gegend mitten im Dschungel liegt? Am besten hätte er das Wort wohl ausgelassen.

Auch beim zweiten Beispiel, wieder von Ntv, wäre mein Rat, das Wort besser wegzulassen.

Die Gesellschaft für bedrohte Völker widersprach der Darstellung von Siemens-Chef Kaeser, dass die indigenen Wangan und Jagalingou, deren Land vom Projekt betroffen ist, zugestimmt hätten.

Es wurde zwar richtig verwendet, aber aus dem Zusammenhang der Eigennamen ergibt sich m.E. eindeutig, dass es sich um einheimische Völker handelt.

Autochthon – Bedeutung und Beispiel

Ähnlich verhält es sich mit autochthon, einem Wort, das noch weniger Leute kennen, geschweige denn verstehen oder gar anwenden. Als Weinfreund kennen Sie es vielleicht: Wenn in einem Land nicht der allgegenwärtige Merlot angebaut wird, sondern eine heimische Traube, dann ist dieses Gewächs  . . . richtig.

Das übertragen Sie jetzt bitte auch auf die Bevölkerung. Die Wortbedeutung entspricht der von indigen, sagt der Duden, nur dass sie auch für Pflanzen gilt. Die Herkunft unterscheidet sich insofern, als indigen aus dem Lateinischen, autochthon aus dem Griechischen stammt.

Die Bedeutung lässt sich schön an dem Beispiel aus der Süddeutschen Zeitung zeigen, das ich für Sie vorbereitet habe:

Gottfried Kößler vom Fritz-Bauer-Institut betont, dass eine Migrationspädagogik die Gesellschaft nicht in Zugewanderte und Autochthone teilen dürfe.

Wenn Sie Einheimische oder einheimische Bevölkerung einsetzen, erhalten Sie einen Satz, den Ihre Leser auch verstehen.

Gottfried Kößler vom Fritz-Bauer-Institut betont, dass eine Migrationspädagogik die Gesellschaft nicht in Zugewanderte und Einheimische teilen dürfe.

Doch in Zeiten grenzenloser Staaten (finde das Paradox) können Sie das so nicht mehr sagen. Dann verhüllen Sie sich lieber in Unverständlichkeit.

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