Kaum ein Trend ist so hartnäckig wie der, statt des treffenden Wortes Verneinungen mit Nicht- zu bilden. 15 neue Beispiele und alternative Lösungen.

Nicht-Handeln ist manchmal auch Schweigen

„Die Kosten des Nicht-Handelns“ – Ursula von der Leyen © Jennifer Jacquemart, EC – Audiovisual Service

Stilfragen und sprachliche Feinheiten treten mehr und mehr in den Hintergrund, stellte ich kürzlich im Gespräch mit einem Kollegen fest. Wer hat schon die Zeit, wer die Muße, sich mit derartigen Details zu beschäftigen? Und doch – ich kann es nicht lassen. Als Freund der Schönheit und bekennender Anhänger von Eleganz und Anmut präsentiere ich auch heute wieder eine Runde sprachlichen Mikromanagements und einen Dauerbrenner hier im Blog.

Nicht-: die simple Umkehr

Im Bestreben, möglichst präzise zu sein (was an und für sich gut ist) und nicht zu viel nachzudenken (Effizienz ist auch gut), werden inzwischen häufig Worte gebildet, in dem man ein Nicht- vor ihren Stamm stellt statt nach dem treffenden Wort zu suchen (das meistens existiert). Daran, dass dies bereits die 7. Folge ist, erkennen Sie, wie sehr das Phänomen grassiert.

Das hat die oben genannten Vorteile (Präzision, Effizienz), bringt aber sperrige, stellenweise schwer verständliche Schöpfungen hervor, wie wir sie ursprünglich nur bei Bürokraten und Juristen fanden, die man kaum lesen geschweige denn aussprechen mag. Seit einigen Jahren breiten sie sich nun medial aus.

Nicht-: die Motive

Die gute Nachricht: Mit ein bisschen Nachdenken kommt man meistens schnell auf der treffende Wort, das eigentlich gemeint ist. Dies aber ist womöglich das größte Hindernis: Nachdenken verlangt Zeit, und – wichtiger noch – Ruhe oder zumindest doch relative Ungestörtheit. Wenn Sie wie ich im Stahlbad einer Agentur gehärtet sind, wissen Sie, dass ausgerechnet diese beiden Dinge dort noch knapper sind als Wasser in der Wüste.

Vielleicht glaubt auch so manch Redner oder Schreiber, dass er einer Bevölkerung mit schrumpfendem Wortschatz sicherer verstanden wird, wenn er nicht mit anspruchsvollem Vokabular, sondern simpler Verneinungsrhetorik arbeitet.

Plausibel scheint mir schließlich, dass auch dieser Trend auf das Vordringen der Lingua franca der Neuzeit, des Englischen, beruht, denn dort ist die Rede mit non- ein geläufiges Mittel. Dafür spricht, dass sich Verneinungen mit Nicht- in Übersetzungen aus dem Englischen häufig zeigen.

Nicht-: 15 weitere Fälle

Soweit Sie sich für gesittet halten und gutes Deutsch sprechen oder gar schreiben möchten, hätte ich eine weitere kleine Liste mit aktuellen Beispielen für Sie – und alternative Vorschläge. (Ich sammle zwar ständig, doch nicht immer notiere ich die Quelle. Bitte sehen Sie mir das nach, ich versichere Ihnen, keins der Beispiele ist fingiert).

Womit wir beim Kern des heutigen Beitrages sind – einer weiteren Zusammenstellung von Nicht-igkeiten:

  1. Erst diese Woche sprach die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen von den Gefahren des Klimawandels und warb für ihren Green Deal. Dabei glänzte sie ausweislich der Süddeutschen Zeitung mit der Formulierung:

Die Kosten für Nicht-Handeln sind so viel höher.

Tja, Eleganz geht anders, das ist Rhetorik mit dem Rammbock. Unterlassen, Vermeiden, Untätigkeit, hier auch: Passivität wären schönere Varianten gewesen.

2. nicht-offiziell – so steht es in dem Buch „Life Undercover“ von Amaryllis Fox, das von der CIA, Diplomatie und Spionage handelt. Gerade dieses Umfeld verlangt doch nach inoffiziell.

3. nicht-existent findet sich eben da. Wenn etwas nicht existiert, ist es fiktiv, ausgedacht, erdacht, irreal oder fantasie-. (In einer Übersetzung aus dem Amerikanischen Englisch stand zweifellos non-existent)

4. Nicht-Machbarkeit – Unmöglichkeit, Vergeblichkeit (aus einem Manuskript)

5. Nicht-Verlängerung des Iran-Atomabkommens – Beendigung, Ende

6. Nicht-Deutsche – Ausländer (Tagesspiegel) Ich verstehe schon, das klingt härter, aber es ist auch klarer. Leider unterliegt im Regelfall die Logik der politischen Korrektheit.

7. Nicht-Eingeweihte – Außenstehende

8. Anbieter aus Nicht-EU-Ländern – Anbieter aus Ländern außerhalb der EU (im Xing-Newsletter)

9. Nicht-Nominierung (Götze, Kicker, Mai 2018): Unberücksichtigter oder zu Hause gelassener Götze

10. „Sein nicht gegebener Strafstoß im Pokalfinale sorgte für Aufregung – jetzt verteidigt Schiedsrichter Felix Zwayer die Entscheidung – der unterbliebene Elfmeterpfiff (Spiegel)

11. Nicht-Zuordenbarkeit

Dieses Monster begegnete mir in einem SEO-Blog. Im Zusammenhang las es sich so:

Mögliche Ursachen für die Nicht-Zuordenbarkeit von Traffic

Die Quellen des Traffics konnten also nicht eindeutig bestimmt werden. Daraus schließe ich:

Mögliche Ursachen für die Mehrdeutigkeit von Traffic

oder

Mögliche Ursachen für die unklare Herkunft von Traffic:

12. Nicht-WM-Fahrer (Götze/Schürrle) – WM-Zaungäste

13, Nichteinmischung – Raushalten, Zurückhaltung (nochmal der Spiegel)

14. Etwas schwieriger, aber lösbar, ist dieseer Fall von Spiegel Online über den Missbrauch des Kirchenasyls.

Das „Nichteinreichen von Härtefalldossiers und das Nichtbenennen von kirchlichen Ansprechpartnern“ seien die Haupthindernisse, teilte das Bamf mit.

Betrachten wir die Bestandteile getrennt:

Nichteingereichte Härtefalldossiers – das sind fehlende, ausgebliebene oder vielleicht auch zurückgehaltene Dossiers.

Nichtbenannte Ansprechpartner – die fehlen noch einmal. Mindestens sind sie unbenannt.

Macht zusammen:

Fehlende Härtefalldossiers und  kirchliche Ansprechartner seien die Haupthindernisse, teilte das Bamf mit.

Und schon haben Sie zwei Grausamkeiten sperriger Verwaltungssprache klarer, kürzer und verständlicher formuliert.

15. Der Hamburger Datenschutzer Johannes Caspar formulierte im Handelsblatt,

. . . dass in vielen Bereichen ein hoher Nichtbefolgungsgrad der Datenschutzregelungen existieren dürfte.

Positiv, also ohne Verneinung gedacht, ließe sich sagen:

. . . dass in vielen Bereichen ein hoher Verletzungsgrad der Datenschutzregelungen existieren dürfte.

Denn was tun wir mit Regeln? Richtig, wir brechen oder verletzen sie.

Der einzig gültige Neinsager ist und bleibt der Nichtraucher. Mehr vom guten Stoff – zur vorigen Folge der Nicht-igkeiten.

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