Wie aus einem für seine Gewalt berüchtigten Viertel eine alte, notorische Siedlung wird – und der Sinn einer Pressemeldung zu PJ Harveys neuem Song entstellt wird.

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Video: The Community of Hope

(25.3.2016) Danke, Internet. Dies wunderbare Medium macht heute eins sehr viel leichter: Zu überprüfen, zu verifizieren und zu falsifizieren, z.B. ob Übersetzungen stimmen oder nicht, weil sich leicht ermitteln lässt, was im Original da steht.

So bekam ich vor ein paar Tagen eine Pressemeldung der Plattenfirma Universal, die davon handelt, was die Sängerin PJ Harvey zu ihrem neuen Song „The Community of Hope“ inspiriert hat – eine Rundfahrt durch die US-Hauptstadt Washington. Darin heißt es:

Paul Schwartzman, Reporter der Washington Post, fuhr die beiden (Harvey und Begleiter, Anm. d. Red.) einen Tag lang durch einige der raueren Nachbarschaften und gab sein Insider-Wissen weiter.

Schon bei der rauen Nachbarschaft runzelte ich die Stirn. Kann man machen, ist aber eigentlich falsch. Eleganter und treffender wäre, sich nicht von der phonetischen Ähnlichkeit zu neighbourhood leiten zu lassen, sondern lieber Viertel zu sagen. Und das Adjektiv: Was ist eine raue Nachbarschaft? Gemeint ist doch wohl ein düsteres Viertel oder eine heruntergekommene oder, umgangssprachlich formuliert, fertige Gegend. Das belegt auch meine Bildersuche.

Und dann kommt diese Stelle mit einer Erklärung Schwartzmans:

Sie haben eine dieser alten, notorischen Siedlungen platt gemacht und ein Wohnungsprojekt für Leute mit unterschiedlichen finanziellen Mitteln gebaut.

Eine alte, notorische Siedlung? Hä? Was kann an einer Siedlung notorisch sein? Diese Frage, die mich automatisch anspringt, hat sich dem Schreiber offenbar nicht gestellt, obwohl sie es hätte sollen. Denn eine notorische Siedlung – das ergibt doch gar keinen Sinn. (Daher Regel Nr. 1: Nach dem Übersetzen Text lesen und sich fragen, ob die Übersetzung an allen Stellen sinnvoll ist. Wenn etwas keinen Sinn ergibt, liegt ein Fehler vor.) Notorisch heißt, wie der Duden weiß, gewohnheitsmäßig oder für eine negative Eigenschaft bekannt.

Mir schwante gleich ein Verdacht. Ich vermutete, dass da ein falscher Freund eine Rolle spielt, ein Wort, dass so klingt wie ein Deutsches, im Englischen aber etwas anderes bedeutet (und nicht meint!). Und tatsächlich stand da im Original auf der Webseite der Washington Post:

And here was East Capitol Street, where the city had replaced a notoriously violent housing project with mixed-income townhouses.

M.a.W. dieses Viertel ist für seine Gewalt berüchtigt, denn das heißt notorious richtig übersetzt. Das ergibt doch schon ein wesentlich stimmigeres Bild, zeigt aber gleichzeitig, wie verhunzt die deutsche Übersetzung ist.

Dann müsste man noch sagen, dass der Ton insgesamt inkonsistent ist. Die Gewalt findet sich in der Übersetzung im Verb wieder (plattmachen), was im Englischen wesentlich milder gewählt wurde (replace= ersetzen). Dem folgen dann finanzielle Mittel, was ein sehr abstrakter, eher im Politischen zu verordnender Terminus ist. Hier wäre Einkommen besser gewesen, was wiederum phonetisch näher am Original gewesen wäre.

Fazit:  Englischkenntnisse sind weit verbreitet, was zu der leichtfertigen Annahme verführt, man könne mal eben selbst übersetzen. Muss man keinen Übersetzer suchen, spart Zeit und Budget. Führt aber leider auch zu entsprechenden Ergebnissen.

So, das war’s für heute. Frohe Ostern. Und wer noch nicht genug hat, hier gibt’s mehr Stoff zu falschen Freunden.

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