Henri-Pannen-Preis: In der Mehrzahl „Fachmänner“?

(12. Mai 2011, Nachtrag, 30.4.2012) Bekanntlich hat die Jury des Henri-Nannen-Preises dem Sieger René Pfister den Preis als beste Reportage für seine Geschichte „Am Stellpult“ aberkannt. Die fadenscheinige Begründung: In dem Porträt über den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer fehle der Hinweis, dass Pfister den Einstieg mit der Modelleisenbahn in Seehofers Keller nicht selbst erlebt hat. Die bessere Begründung wäre gewesen, dass die Geschichte gar keine Reportage, sondern ein Porträt ist. Aber dann hätte die Jury schlecht ausgesehen, weil ihr das entging. So nur der Autor. Denkt jedenfalls die Jury.

Doch mit dieser fragwürdigen Entscheidung endet die Pannen-Show nicht. In diesem Jahr erhielt der Stillehrer Wolf Schneider einen Preis für sein Lebenswerk. Die Autorin Petra Reski („Mafia“), die einst Schneiders Volontärskurs an der Gruner + Jahr-Journalistenschule besuchte, schrieb dazu eine Würdigung des „strengen Zuchtmeisters und Qualitätsfundamentalisten“ (Reski).

Der Text ist nicht frei von Koketterie. Hinter dem Wort Hagiographie etwa fügt Reski in Klammern ein, was Schneider dazu wohl rot am Rand vermerkt hätte: „Bäh, warum nicht einfach Heiligenlegenden?“ Wenn man soweit geht, muss jedes Wort sitzen. Das tut es leider nicht. Kurz vor Schluss schreibt Reski:

„Schneider zwiebelt nicht nur Journalistenschüler, sondern auch Öffentlichkeitsarbeiter, Finanzfachmänner oder Kommunikationschefs.“

Hier würde Wolf Schneider rot am Rand vermerken: „Igitt! Mehrzahl-Männer gibt’s nur beim Weihnachtsmann.“ Was er gemeint hätte: Der Plural männlicher Berufsbezeichnungen lautet nicht -männer, sondern -leute. Es heißt nicht Kaufmänner, sondern Kaufleute. Auf dem Bau werkeln keine Zimmermänner, sondern Zimmerleute. Und aus dem Finanzfachmann werden Finanzfachleute.

Schade, dass nicht mal Gruner + Jahr als Herausgeber eine Schlussredaktion für nötig gehalten hat. Denn das wäre einem Korrektor aufgefallen. Im Übrigen wäre in Reskis Hommage das Wahrscheinliche für das Erwartbare schöner gewesen, und Wolf Schneider hat keine Homepage, sondern eine Website.

Nachtrag (12.5.2011): Aus dem Gehirnverleih kommt der berechtigte Hinweis auf eine Ausnahme unter den männlichen Berufsbezeichnungen: Müllmänner. Danke, Frau Kollegin!

Nachtrag (2.6.): Auch wenn die Süddeutsche Zeitung gestern zweimal von Geschäftsmännern schrieb – bei Geschäftsleuten gibt es keine Ausnahme.

Nachtrag (15.11.2011): In der Vorbereitung auf ein Interview mit Heiner Geißler stoße ich in einem seiner Texte auf Staatsmänner. Der Duden bestätigt: Der Staatsmann ist eine weitere Ausnahme.

Nachtrag (30.4.2012): Durch Wiederholung wird Falsches nicht richtiger. Auch Spiegel Online bringt heute noch einmal die Geschäftsmänner. Das erinnert mich allerdings an eine weitere Ausnahme: Als kürzlich ein Schiedsrichter einen Fußballer ermahnte, wurde mir klar, dass Sportsleute als Plural von Sportsmann seltsam klänge. Sportsmänner aber auch.

5 Responses to Die Henri-Pannen-Show geht weiter
  1. wenn man hier den korinthenkacker einen korinthenkacker schimpfen würde, wäre man wohl fehl am platze.
    haha, ich lese es trotzdem gern. vor allem dann, wenn auch meines erachtens mit der sprache schindluder getrieben wird.

  2. @ E.

    Ebenso, wenn man den Klugscheißer Klugscheißer, den Haarspalter Haarspalter oder den Schlaumeier Schlaumeier schimpfte. Wir danken für diese bildstarken Begriffe. Beehren Sie uns wieder. 🙂

  3. […] geht’s weiter zu Männern, die in der Mehrzahl zu Leuten werden. Und hier zu einem Rätsel um den US-Präsidenten, das Sie vielleicht noch nicht kennen: Was […]

  4. […] liegt der Fall in der Geo-Reportage „Im Herz der Finsternis“, die kürzlich für den Henri-Nannen-Preis nominiert war. Die Geschichte porträtiert einen Psychopathen im Gefängnis. In der Einleitung […]

  5. […] Beispiele finden sich in einem Beitrag von 2011 über den Henri Nannen-Preis. Er enthält noch andere Aspekte, doch zu Männern und Leuten schrieb ich, damals noch bezogen auf […]


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