Im Zusammenhang mit der Präsidentenwahl in den USA taucht ein neues Wort auf: Die Wahlleute ersetzen die Wahlmänner.

Wahlleute statt Wahlmänner

Spiegel-Online-Neusprech: „Wahlleute“ (Bildschirmfoto)

(7.11.2016, Nachtrag 10.11.16) Amerika wählt einen neuen Präsidenten. Spiegel Online macht sich darum verdient, seinen Lesern in einem Beitrag zur Präsidentschaftswahl das hierzulande unübliche Wahlmännersystem zu erklären. Stopp: Wahlleute, wie Spiegel Online schreibt, womit wir einen weiteren Schritt in der Frage geschlechtlicher Gleichstellung miterleben. Zur Erklärung: Damit sollen Frauen stärker sprachlich in der Öffentlichkeit vorkommen. Bzw., wie in diesem Fall, die vorherrschende männliche Präsenz vermindert werden.

Spiegel Online ist früh dran. Gundula Gause sprach am Samstag (5.11.) in der Heute-Sendung noch von Wahlmännern. Der Wikipedia-Eintrag lautet auf Wahlmann, auch der Duden kennt nur Wahlmänner, Wahlleute haben keinen Eintrag. Google wirft für die Wahlmänner 135.000 Treffer aus, während die Wahlleute nur auf 7.110 kommen (Stand 6.11.2016). Das macht eine 18-fache Mehrheit. Wir dürfen die Wahlleute als selten bezeichnen. Nachtrag: Ingo Zamperoni verwendet in einem Tagesthemen-Beitrag am 7.11. abwechselnd die Begriffe Wahlmänner, Wahlmänner und -Frauen sowie Wahlleute. Vielleicht auch ein Indiz dafür, dass sich die ARD progressiver versteht und verhält als das ZDF.

Das Amt und sein Inhaber

Zweifellos haben sich die historischen Ursprünge verändert. Anfangs waren Wahlmänner nur Männer, heute können auch Frauen dieses Amt ausüben. In dieser Unterscheidung läge m.E. auch für die Gegenwart eine elegante Lösung: Man müsste den Wahlmann als Bezeichnung für das Amt verstehen, das von Männern oder Frauen bekleidet werden kann.

Dies Prinzip lässt sich auch auf den ersten Satz anwenden: Wenn die USA einen neuen Präsidenten wählen, bezeichnet der Präsident ebenfalls das Amt, nicht seinen Inhaber. Das Präsidentenamt kann von einer Frau bekleidet werden, der Präsident ist dann eine Frau. Auch wenn es heute vielleicht schon ungewohnt bzw. paradox klingt, ist es so sprachlogisch korrekt. Das hat den Charme, dass man diesen Sachverhalt überhaupt formulieren kann. Die Präsidentin ist eine Frau, heute nicht selten verwendete Formulierung, soll ebendas leisten, ist jedoch redundant bzw. ein aussageloser Satz; das Besondere, dass nämlich das Amt von einer Frau bekleidet wird, kommt gerade nicht mehr zum Ausdruck.

Preisfrage am Rande: Was geschieht z.B. im Singular, wenn man also ein einzelnes Wahlleut bezeichnen will? Wahlmann, Wahlfrau, je nach Inhaber?

Hier geht’s weiter zu Männern, die in der Mehrzahl zu Leuten werden. Und hier zu einem Rätsel um den US-Präsidenten, das Sie vielleicht noch nicht kennen: Was sind Potus und Flotus?

2 Responses to Willkommen, Wahlleute!
  1. […] Leitfaden, der ohne Binnen-I und Sternchen auskommt, und doch mehr Ausgeglichenheit erreicht. Wahlleute, eine Formulierung von Spiegel Online, gehören nicht […]

  2. […] Upps: So ganz nebenbei spielen die Leute statt der Männer auch dem Gendern in die Hände, denn in Leuten können sich Männer und Frauen wiederfinden. Und dies nicht so gewollt wie bei der letzten US-Wahl, als Spiegel Online geziert von  Wahlleuten statt Wahlmännern schrieb. […]


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