The trend is your friend: Wie es das unscheinbare Wissenschaftswort erwartbar in gut zehn Jahren in den Medien-Mainstream schaffte.

Schlagzeile-erwartbar-Süddeutsche-Zeitung

 Vorhersehbare Schlagzeile (Ausschnitt aus der Süddeutschen Zeitung): Durchbruch in den Medien

(11.8.2011) Wie vergleichsweise schnell sich Sprache entwickelt, zeigt die Karriere des Wortes erwartbar. Bis vor etwas mehr als zehn Jahren fristete es ein Schattendasein. So wurde es in wissenschaftlichen Veröffentlichungen verwendet, etwa in der Statistik, wenn Werte erwartbar waren. Aber zum allgemeinen Sprachgebrauch gehörte es nicht.

Trotzdem erhitzte es schon damals die Gemüter, wenn es irgendwo auftauchte – bis zum Flame-War im Internet: Einerseits die praktische Frage, ob es sich um ein gängiges Wort handelt, andererseits der theoretische Hinweis, dass mit dem Suffix -bar für jedes Verb mit Passivform ein Adjektiv gebildet werden kann – was für erwarten gilt.

Das Mögliche muss nicht schön sein

Doch nur weil ein Wort gebildet werden darf, entsteht noch lange nichts Schönes daraus. Zumal dann, wenn es geläufige, bedeutungsähnliche Alternativen gibt. Einen eigenen Dudeneintrag hat erwartbar daher nicht, stattdessen werden gleich drei Synonyme angeboten: Berechenbar, vorhersehbar, voraussagbar.

Die relative Seltenheit zeigt sich auch in der Google-Treffermenge: Nicht mehr als 67.500 Nennungen  werden, Stand 10.8.,  ausgewiesen. Dafür aber repräsentiert erwartbar die Neigung, im Sprachgebrauch die Endung – bar vorzuziehen, so wie etwa aus erklärlich erklärbar oder aus unverständlich unverstehbar geworden ist bzw. gerade wird.

Empfehlenswert: Alternativen . . .

Diese Woche wird erwartbar von der Presse geadelt – und drängt damit aus der Nische ins Rampenlicht.  Ein Artikel in der Süddeutschen Zeitung (Ausgabe v. 10.8., vgl. Bild) über die Atomkatastrophe in Japan wird mit der Schlagzeile betitelt: Eine erwartbare Katastrophe. Die Regierung und Tepco, so der Tenor, hätten damit rechnen müssen, was kommt. Es war also abzusehen. Das gilt auch für diese Schlagzeile, und genau da liegt die schönere Lösung: Eine vorhersehbare Katastrophe.

. . . und Notwendigkeit prüfen 

Bleibt die Frage, ob die Wissenschaft unbedingt einen Spezialbegriff verwenden muss, wenn es einen allgemeinen gibt. Der Ästhet meint, generell nein, wozu? Auf der Wissensseite einer Tageszeitung unter Umständen. Hier erschien der Artikel, doch hat es der Inhalt nicht notwendig erfordert – so fachlich war der seismologische Teil nicht.

4 Responses to Vorhersehbar: erwartbar
  1. […] einem Korrektoren aufgefallen. Im Übrigen wäre in Reskis Hommage das Wahrscheinliche für das Erwartbare schöner gewesen, und Wolf Schneider hat keine Homepage, sondern eine […]

  2. […] voran, Adjektive auf -bar sind 2011 weiter auf dem Vormarsch: Neuschöpfungen wie undeutbar, erwartbar und verstehbar bevölkern die Medien (und diesen Blog), Adjektive mit -lich weichen zurück. Nicht […]

  3. […] Hier ein anderes Beispiel für den Verdrängungswettbewerb unter Wörtern – erwartbar. […]


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