Print stirbt, Kreativität nicht. Die taz beweist mit der Schlagzeile „Die Auspuffmutter“, dass gute Sprache auch unter Druck funktioniert. Weiterhin entstehen großartige Schlagzeilen im Journalismus. Warum „Die Auspuffmutter“ für mich die Headline des Jahres ist, weshalb ich weiter an Print glaube und mit KI arbeite.

Gute Schlagzeilen im Journalismus: Die Auspuffmutter bei der taz (Bildschirmfoto)
Die Zeiten, in denen Papier bedruckt wurde, um Informationen zu verbreiten, gehen ihrem Ende entgegen. Das ist keine kulturpessimistische Behauptung, sondern ein nüchterner Befund. Alle Tageszeitungen verlieren Auflage, die gedruckte Ausgabe der taz wurde im Oktober dieses Jahres eingestellt. Die Gründe sind bekannt und gut dokumentiert – unter anderem von der Tagesschau, die den Schritt als ökonomisch unausweichlich beschreibt.

Mit dem Ende der Druckausgabe verschwinden nicht nur Maschinen und Logistik, sondern auch Erlöse. Für Redaktionen bedeutet das: weniger Geld, weniger Spielraum, mehr Druck. Umso bemerkenswerter ist, dass sich dieser Druck nicht zwangsläufig in geistiger Verarmung niederschlägt. Im Gegenteil.

Ein Kofferwort mit Sprengkraft

Am 17.12. titelte die taz anlässlich des Rückzugs vom Verbrennermotor:

Die Auspuffmutter

Ein großartiges Stück Zeitungssprache. Das Kofferwort aus Auspuff und Puffmutter funktioniert auf mehreren Ebenen zugleich. Technisch verweist es auf das Ende des Verbrenners, politisch auf Brüssel, personell auf Ursula von der Leyen. Vor allem aber ist es eine satirische Zuspitzung, die Macht sichtbar macht, ohne sie erklären zu müssen.

Die Schlagzeile verlässt bewusst die reine Sachebene und wechselt in die Metaebene der politischen Inszenierung. Dass dabei eine sexualisierte Konnotation mitschwingt, ist kein Zufall, sondern Teil der Provokation – gerade weil sie einer Politikerin gilt, die sich ansonsten jeder persönlichen Zuschreibung entzieht und gern als moralische Instanz inszeniert. An ihr kommt derzeit niemand vorbei, wenn von „europäischen Werten“ die Rede ist. Die Headline bringt das in einem Wort auf den Punkt.

Für mich ist das die Headline des Jahres.

Warum Print trotzdem nicht tot ist

Auch ich arbeite weiterhin mit Print – und lasse mich von seinem Niedergang nicht bange machen. Denn es gibt nach wie vor gute Gründe, Papier zu bedrucken. Überall dort, wo Informationen dauerhaft aufbewahrt werden sollen, wo Verbindlichkeit zählt, wo Inhalte nicht im Strom der Timeline verschwinden sollen. Geschäftsberichte sind ein klassisches Beispiel. Print ist langsamer und haltbarer, aber genau darin liegt in diesen Anwendungsfällen seine Stärke.

Für gute Schlagzeilen im Journalismus hilft KI

Mein Dank gilt in diesem Jahr zugleich der größten Arbeitserleichterung seit der Erfindung des PCs: ChatGPT. Nicht wenige Kollegen fürchten oder verdammen KI. Ich halte das für grundfalsch. Ich nutze sie nicht als Texter, sondern als Sparringspartner. Solange man nichts direkt übernimmt, sondern im konstruktiven Dialog mit der Maschine bleibt, entstehen Ideen, Perspektiven, Reibung – zum Beispiel für treffende Schlagzeilen.

Mein Art Director hat das längst erkannt – und mir dazu dieses Bild geschickt.


Wenn Sie irgendwo eine bessere Schlagzeile gelesen haben, schreiben Sie mir.

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