Der Tiefpunkt gehört zu den Wörtern, die aus dem medialen Wortschatz zu fallen drohen. Anders lässt sich die Verwendung des Höhepunkts als Synonym kaum erklären.

Bildschirmfoto der Ntv-Meldung über den Tiefpunkt

Verkehrte Welt: Wenn der Tiefpunkt zum Höhepunkt wird

(14.3.2011, Aktualisierung 22.7.20) „Der sportliche Höhepunkt des Chaos ist erreicht“, schrieb Günter Netzer in der „Bild am Sonntag“ nach dem 0:6 des HSV bei Bayern München. Mal abgesehen davon, dass der Satz schief ist: Was er inhaltlich ausdrücken sollte, hört man heute öfter. Und das macht es nicht richtiger. Denn ein Höhepunkt ist ein Höhepunkt, also etwas Positives. Kann das bei einem Chaos der Fall sein? Wohl kaum. Ganz unzweifelhaft meinte er das genaue Gegenteil: den Tiefpunkt. Ein Wort, das leider vom Aussterben bedroht ist, weil nicht nur Netzer den Tiefpunkt mit dem Höhepunkt verwechselt. Tipp: Immer über den Sinn seiner Worte nachdenken, bevor man sie zum Druck freigibt.

(Aktualisierung, 22.7.20) So wie oben schrieb ich also schon 2011, damals aber noch mehr in Notizform. Und so wie sich bei manch fehlgehendem Ton nichts getan hat, muss ich auch beim Tiefpunkt einen lang anhaltenden, Achtung: Abwärtstrend erkennen.

Tiefpunkt in Frankfurt

Als sich kürzlich Mitglieder der Party- und Eventszene in Frankfurt für ein fröhliches Stelldichein in der Innenstadt zusammenkamen und den Opernplatz in Schutt und Asche legten, sprach der Polizeipräsident anschließend auf der Pressekonferenz den denkwürdigen Satz in die Mikrophone, er sehe

die Krawalle als „absoluten, negativen Höhepunkt“ der vergangenen Wochen.

Nun müsste man ähnlich wie im Falle Netzers oben fragen, wie Krawalle ein Höhepunkt sein können? Das erkannte der Sprecher schon selbst, indem er von einem „negativen Höhepunkt“ sprach. Doch dann fiel ihm offenbar das treffende Wort nicht ein: der Tiefpunkt.

Wer schon selbst auf einem Podium saß, die Hitze der Scheinwerfer spürte und sich bohrender Fragen von Journalisten stellen musste weiß, dass es einem schon das Vokabular begrenzen kann, wenn das Adrenalin durch die Adern rauscht. Dazu mag gekommen sein, dass der Polizeipräsident durch die Vorfälle tatsächlich innerlich aufgewühlt, um nicht zu sagen angefasst, war. Derartige Gefühlsaufwallungen lassen sich wahrscheinlich auch durch das beste Medientraining nicht ablegen.

Wie lässt sich ein Höhepunkt vermeiden?

Soweit zwei Beispiel aus einer Reihe undokumentierter Fälle in den Jahren dazwischen. Dabei wird nicht selten ohne den Zusatz des Negativen ein unerfreulicher Zustand als Höhepunkt bezeichnet. Mein Tipp 2020 ist eine Erweiterung des knappen Hinweises von 2011: Versuchen Sie, sich beim Formulieren klarzumachen, was der Sinn der Worte ist, die Sie als nächstes benutzen wollen. So vermeiden Sie intellektuelle Unfälle. Das geht zugegeben beim Schreiben leichter als beim Sprechen, weil man Korrektur lesen kann oder gelesen wird. Doch auch beim Schreiben lohnt es sich aufzupassen, weil sich oft Phrasen in einen Text einschleichen, die einem selbst zunächst gar nicht mehr auffallen.

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