(29.4.2012) Anfassen, das war bisher eine im Wortsinn manuelle Angelegenheit. Die Hände berühren etwas, manchmal nur um zu spüren, wie sich der Gegenstand anfühlt, den man da hält, manchmal, um damit noch etwas anderes zu tun. Im übertragenen Sinn gab es nur noch eine Nebenbedeutung, nämlich etwas anzupacken.

Die Bedeutung des Wortes hat sich erweitert: Man kann nun auch emotional angefasst sein, oder wenn man dabei beobachtet wird, angefasst wirken. Die Wendung ersetzt – zumindest vorübergehend – die bisherige Aussage, dass einen etwas berührt oder angegriffen hat. Und während bislang eine gewisse Abscheu, Abneigung oder Widerwille damit verbunden war, wenn man angefasst wurde, ist es nun so besetzt, dass man sich peinlich berührt oder verletzt fühlt.

Beleg dafür wäre dieser Artikel im Sportteil auf Zeit-Online über DFB-Präsident Theo Zwanziger, ein früher Fund vom Oktober 2010, der zuerst im Tagesspiegel erschien. Aber auch in Politik und Kultur wirkt man manchmal angefasst, hier zum Beispiel Bundespräsident Joachim Gauck in einem neueren Artikel in der Zeit von Mitte März.

Woher es wohl kommt? Als Quelle könnte das Englische to touch dienen, weil es beide Seiten abdeckt, physisch und psychisch. Was noch auffällt: Im Unterschied zum physischen Anfassen funktioniert die neue Variante nur passiv – man kann nur angefasst werden, nicht aber selbst etwas anfassen.

Bin gespannt, wieweit sich die neue Form der Berührung ausbreitet.

One Response to „Gauck wirkt angefasst“: Die neue Berührung
  1. […] der Polizeipräsident durch die Vorfälle tatsächlich innerlich aufgewühlt, um nicht zu sagen angefasst, war. Derartige Gefühlsaufwallungen lassen sich wahrscheinlich auch durch das beste Medientraining […]


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