(28.1.2011) Haben Sie beim Überfliegen der Zeitungsschlagzeilen in letzter Zeit auch gerätselt, was wohl gemeint sein könnte? Ein Trend breitet sich aus: Die Überschrift besteht nur noch aus einem Wort.

„Warum?”

titelte Mitte Januar die Süddeutsche Zeitung über einer Reportage, bekanntlich die Königsdisziplin des Journalismus, an prominenter Stelle auf ihrer Seite 3 – und ließ den Leser im Unklaren darüber, wovon die Geschichte denn wohl handelte. Warum was? Wir erfahren es nicht, jedenfalls nicht, ohne den Artikel zu lesen, sondern werden gezwungen zu rätseln. (Es ging um Contergan-Behinderte). Platz genug wäre gewesen – links und rechts der Überschrift klafften größere Flächen unbedruckten Papiers.

Hochgekocht? Erbsengefühle?

Kurz darauf im selben Blatt:

„Hochgekocht“

stand über einem Beitrag in der Wochenendausgabe 22./23.1.2011. Mehr nicht, darunter sah man eine Kaffee-Warmhalteplatte. Aha! Die Geschichte handelte vom Trend zu anspruchsvoller Kaffeezubereitung, wie sich nach Lektüre des Intros ergab.

Auch der Sportteil verweigert sich zusehends seiner unterrichtenden Funktion:

„Erbsengefühle“

stand über einem Artikel, in dem die SZ am 27. Januar das schwache Abschneiden der deutschen Handballer bei der Weltmeisterschaft untersuchte. Mühsam musste der Autor einen Bezug herstellen: Dass wohl jeder das Gefühl kenne, wenn sich der Magen bei unangenehmen Ereignissen auf Hülsenfruchtgröße zusammenzieht. Das wohl, aber . . . ging es nicht um Handball? Mir zog sich der Magen nicht zusammen, sondern drehte sich um. Denn diese Ein-Wort-Überschrift entschlüsselte ich diesmal erst im Lauftext.

Form vor Inhalt

Abgesehen vom ästhetischen typographischen Anliegen, Zeilen voll laufen zu lassen: Was wurde aus der journalistischen Maxime, die Überschrift müsse auf den Inhalt des Artikels schließen lassen? Womöglich handelt es sich bei der neuen Praxis um Kalkül: Seitdem das Internet aktuelle Nachrichten bringt, verlegt sich die Zeitung auf den Hintergrund, Einordnung und Bewertung. Es geht nicht länger um Leserinformation, sondern Leserbindung – und dazu versuchen die Zeilenmacher, den Leser durch eine unspezifische Überschrift in den Text zu locken. Ein Spielverderber, wer Unlust, Arroganz oder schlechtes Handwerk dahinter vermutet. Mein Leserwunsch: Möge dieses löchrige Konzept überdacht werden!

2 Responses to Rätselhaft: Die Ein-Wort-Überschrift
  1. […] Bisher war „Warum?“ der Spitzenreiter in meiner privaten Hitliste der rätselhaftesten Ein-Wort-Überschriften. […]

  2. […] einen, hat so manche Tageszeitung die Ein-Wort-Überschrift kultiviert, die sehr ungefähr und assoziativ über ein Thema gesetzt wird. Das geht zwar schnell […]


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