Whataboutism ist ein sperriger Anglizismus. Was er bedeutet, woher er kommt und was man stattdessen sagen könnte.

Whataboutism: Fix before blaming others

Whataboutism: So friedlich wie bei dieser italienischen Ausgabe von Waldorf & Statler wünscht man sich Debatten im Netz. © Mary Bettini Blank/Pixabay

Wenn Sie in sozialen Medien und/oder Kommentarspalten verkehren, dürfte Ihnen dieser Begriff schon untergekommen sein. Ich fand ihn schwer zu ignorieren und sehe gerade, dass ich dazu noch nichts geschrieben habe, obwohl mir die Idee zu einem Beitrag schon länger im Kopf herumgeht.

Whataboutism: Ursprung und Bedeutung

Das Cambridge Dictionary bietet diese fabelhafte Definition: Whataboutism beschreibt

„die Technik oder Praxis, auf Kritik oder ein Problem mit einer Gegenfrage zu reagieren oder einen ähnlichen Kritikpunkt aufzugreifen.“

Wichtig: Die Gegenfrage beginnt typischerweise mit „What about . . .“, was wohl am ehesten mit „Aber was ist mit . . .?“ zu übersetzen wäre.

Ziel dieses rhetorischen Mittels ist, die Position des Gegners zu schwächen, ohne seine Argumente zu widerlegen. Mit anderen Worten: Sie gehen nicht auf das Argument des anderen ein, sondern kritisieren einen neuen Aspekt auf dessen Seite. Damit lenken Sie vom eigentlichen Punkt ab, sei es, dass eine Niederlage zu befürchten war, weil sie kein oder nur ein schwaches Gegenargument hatten, sei es, dass es nach außen (bei Ihren Lesern) stärker wirkt, den neuen, kritischen Punkt anzusprechen.  Im Kindergarten nannten wir es „Aber Du“ oder „Selber“.

Wussten Sie übrigens, dass der Whataboutism eine Propagandataktik der Russen ist? Schreibt jedenfalls die Wikipedia, der ich trotz aller Kritik nach wie vor traue.

Whataboutism: Beispiele und Alternative

Sie möchten ein Beispiel? Beim Deutschlandfunk fand ich eins, dass gut in die Zeit passt: Beklagt jemand zum Beispiel die Zunahme von Rechtsextremismus, heißt es nur allzu oft: „Und was ist mit den Linken?“ Auf Zweifel und Fiktion gibt es noch ein paar typische Beispiele. An ihnen lässt sich gut erkennen, dass das Whataboutism-Manöver inhaltlich durchaus berechtigt sein kann.

Whataboutism hat es neben der Neigung schuldgefühlgeplagter Deutscher, sich durch den Gebrauch von Anglizismen besser (internationaler! zeitgemäßer! undeutscher!) zu fühlen, wahrscheinlich deswegen ins Deutsche geschafft, weil es schwer zu übersetzen ist. Wasistmitismus? Undenkbar. Im steten Bestreben um konstruktive Beiträge hier nun mein Vorschlag zu einem deutschen Alternativbegriff, den man auch noch aussprechen kann, ohne über Lippen und Zunge zu stolpern:

Ablenkungsmanöver

Zugegeben: Es gibt auch noch andere Ablenkungsmanöver, insofern der Vorschlag nicht ganz so präzise ist. Zudem fehlt dem Ablenkungsmanöver die Modernität, den Whataboutism schreibt man allein vom Wort und der Sprache her dem Internetzeitalter zu.

Whataboutism Anglizismus des Jahres?

Kann Whataboutism Kandidat für den Anglizismus des Jahres werden? Bis zur nächsten Wahl ist zwar noch eine Weile hin, aber es schadet nie, vorbereitet zu sein. Die Häufung im Sprachgebrauch ist m.E. ein Argument. Bisher wurde der Begriff noch nicht nominiert. Meine Suche auf der Seite verlief jedenfalls ergebnislos. Mein letzter Tipp zum Virtue Signalling wurde 2017 weggelächelt, obwohl der Beitrag sich zu einem der meistgeklickten dieses Blogs entwickelt hat und das Wort damals im Trend lag. Es könnte an der einseitigen Ausrichtung des Wettbewerbs liegen. Unvergessen z.B., als die Wahl 2014 auf das bedeutungslose Blackfacing fiel.

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