Wer Sendezeit füllen muss, bläht gern den Text auf – z.B. mit Tautologien. Der hochspezialisierte Experte der Tagesschau wäre ein aktuelles Beispiel.

Wenn Bayer gehackt wird, können nur hochspezialisierte Experten helfen. (Bildschirmfoto)

Vergangene Woche lobte ich die Tagesschau noch, heute muss ich leider wieder mal sagen: „Herrschaftszeiten.“ (Früher fluchte ich noch nicht auf Bayerisch.) Was ist geschehen?

Das Chemieunternehmen Bayer wurde Opfer eines Hackerangriffs, berichtete man in der Ausgabe vom 4.4. (Zur Online-Variante). Nun prüfen

hochspezialisierte Experten

den Fall, also die Umstände und den Schaden.

Als ich das hörte, spitzte ich sogleich die Ohren. Bisher taten es noch Experten, jetzt werden sie bereits als hochspezialisiert geadelt, um ihre Kompetenz herauszustreichen. Da meint es der Texter jedoch zu gut.

Wie ist ein Experte nämlich definiert? Die aus meiner Sicht oft zu Unrecht angefeindete Wikipedia weiß Rat:

Experte (auch Fach- oder Sachkundiger oder Spezialist) ist eine Person, die über überdurchschnittlich umfangreiches Wissen auf einem Fachgebiet oder mehreren bestimmten Sacherschließungen oder über spezielle Fähigkeiten verfügt.

Wenn wir das Wort Spezialist aus der Klammer lösen und einsetzen, kommen wir auf den

hochspezialisierten Spezialisten.

Nicht sehr elegant, weil doppelt-gemoppelt, wie Kindermund sagen würde. Von einer Tautologie spräche der, Achtung: Experte.

Wenn (fast) jeder ein Experte ist

Womöglich hat das auch damit zu tun, dass heutzutage so mancher zum Experten erklärt wird. Wussten Sie z.B., dass der Ex-Spiegel-Schreiber Georg Mascolo als ARD-Terrorexperte grüßt? Da staunt der Laie, und der Fachmann wundert sich, um ein altes, aber wahres Bonmot zu bemühen. Denn jemanden wie Mascolo qualifiziert dem ersten Augenschein nach nichts Besonderes, wenn Sie seinen Wikipedia-Eintrag studieren. Damit wir uns richtig verstehen: Er hat zweifellos Karriere gemacht, aber seit wann macht die Spiegel-Chefredaktion oder die Leitung eines Rechercheverbundes jemanden zum Terrorexperten? Stefan Aust zum Vergleich, ebenfalls Spiegel-Chefredakteur, hat mit dem Baader-Meinhoff-Komplex ein umfangreiches Fachbuch zum Thema geschrieben.

Wenn Sie also keine Experten zu Experten machen, muss der echte Experte natürlich ein hochspezialisierter Experte sein. Nur dass dummerweise eine Redundanz entsteht. Die wird manchmal als rhetorisches Mittel zum Zwecke der Übertreibung eingesetzt und heißt dann Pleonasmus. In diesem Fall aber, einem Fernsehbericht, hat eine Übertreibung nichts zu suchen.

Bei einem Nachrichtenbeitrag kann es eigentlich auch nicht sein, dass die Sendezeit mit Worthülsen gefüllt werden muss – sonst ein gern genommenes Argument zur Verteidigung weiblicher Sängerinnen und anderer Tautologien. Bei der Tagesschau hätte ich demgegenber eine derartige Themenfülle bei gleichzeitig sattem Budget aus unser aller Vereinsbeitrag erwartet, dass die dadurch entstehende interne Konkurrenz hohe Dichte und damit Kürze zur Folge haben müsste. Offenbar nicht.

Wäre ich böse, würde ich sagen: Sie schwätzen gedankenlos statt darüber nachzudenken, was sie texten.

Hier geht’s weiter zu einem Klassiker der Redundanz – zur Rückantwort.

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