Mission Statement vom Schreibtisch: gegen gedankliche Verarmung und für sprachlichen Reichtum am Beispiel des Doctor’s office. 

Entdeckungen für MINI Fahrer

Für jedes Ding ein Wort – MINI Entdeckungen 1/17

(30.4.2017) Die letzten Tage hatte ich nach einer kleinen Pause ein paar Texte für die MINI Entdeckungen zu schreiben. Weil ich davor mehr für die BMW Inspirationen getextet hatte, suchte ich Inspiration in der „MINI Tonalität“, einer kleinen Handreichung des Kunden für die Texter. Wir versuchen nämlich, die MINI Entdeckungen in der Tonalität von den BMW Inspirationen zu unterscheiden. Gemeinsam ist beiden Storytelling; doch während BMW seriöser und gediegener im Aufritt ist, darf MINI frecher, smarter sein, was es für mich als Texter dankbarer, aber auch anspruchsvoller macht.

In der MINI Broschüre findet sich eine Beschreibung des Selbstverständnisses der Marke und ihrer Kunden und der Prinzipien, die daraus für die Texte folgen. Sie hat den Untertitel „Den richtigen Ton treffen“ und enthält einige schöne, grundlegende Aussagen zum Texten. Zur Wortwahl heißt es etwa:

Der Wortschatz einer Sprache besteht aus mehreren hunderttausend Wörtern. Viele von ihnen haben eine ähnliche Bedeutung – aber nicht die gleiche Qualität.

Schlussfolgerungen:

  1. Es lohnt sich, über das richtige, treffende Wort nachzudenken.
  2. Es ist nicht gleichgültig, wie man sich ausdrückt, sondern es macht einen Unterschied.

Des weiteren findet sich darin ein gewichtiges Argument für Differenzierung:

Wir sind es gewohnt, dass wir für jedes wichtige Ding auch ein Wort zur Verfügung haben. Welche Wörter dies sind, kann von Sprache zu Sprache verschieden sein. So kennen die Eskimos zwei Begriffe für Schnee: „aput“ für Schnee, der bereits auf der Erde liegt, „qana“ für Schnee, der gerade fällt. Der Wortschatz wird also immer von der Lebenswirklichkeit geprägt. Denn Wörter sind der Ausdruck unseres Denkens über die Welt.

M.a.W. die Genauigkeit des Denkens und der Betrachtung bildet sich in der Wortwahl ab. Je genauer ich das tue, desto reicher wird mein Text, desto präziser, individueller und eigenschöpferischer. Gilt auch der Umkehrschluss? Ich habe Grund zu der Annahme: Wenn ich – zugespitzt formuliert – phrasal vor mich hinschwafele, habe ich offenbar nicht genau nachgedacht und beobachtet.

Das Sprechzimmer

Womit wir beim Beispiel wären. Diese Woche las ich den Roman „Glück ist eine Gleichung mit 7“. Er handelt von einem sehr aufgeweckten Mädchen, das seine Eltern verliert. Der Charakter ist genau angelegt, denkt scharf und wird auch so geschildert – mit Sätzen, die sitzen. Als das Mädchen zum Arzt muss, lese ich vom Büro des Arztes.  Zweifellos war im englischen Original vom Doctor’s office die Rede.

Nicht, dass wir nicht wüssten, was gemeint ist, wo wir uns befinden; aber das genaue Zielwort ist im Deutschen ein anderes. Der Übersetzer hat aus dem großen Wortschatz nicht den spezifischen, zutreffenden Begriff gewählt, sondern nur einen ungefähren, wörtlich übersetzten. Wenn das Ganze gemeint ist, dann Praxis, wenn der einzelne Raum gemeint ist, dann Sprechzimmer. Keinesfalls ist es ein Büro. (Vgl. auch dazu die Firma)

Das ist kein Totalschaden, sondern nur ein Lackkratzer. (Womit wir beim Auto wären.) Trotzdem schade, weil Bücher ein lange Laufzeit haben.  Gerade in der Literatur halten die Verantwortlichen und Beteiligten gern die Fahne hoch, dass es in diesem Genre besonders auf die Sprache, also die Wortwahl ankommt.

Abgesehen davon ist „Glück ist eine Gleichung mit 7“ ein originelles, trotzdem und deswegen lesenswertes Buch. Mehr davon? Gut war vor ein paar Wochen der violette Veilchenduft.

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