(3.6.2011) Nicht selten habe ich es mit einer englischsprachigen Vorlage zu tun, die in einen Artikel, einen Flyer oder eine Website einfließen soll. Denn Englisch ist nun mal die Sprache der Globalisierung und des Internets.

Wörtliche Übersetzung liegt nahe . . .

Kennen Sie auch den Reflex, erstmal Wort für Wort zu übersetzen, das heißt ganz eng am Original? Dabei im Deutschen zu ähnlich klingenden Begriffen zu greifen, zum Beispiel familiär für familiar, Firma für firm oder letzte Nacht für last night zu sagen? Oder aus at the end of the day am Ende des Tages zu machen? Und haben Sie sich auch schon darüber gewundert, was für einen seltsamen Sinn und schrägen Klang Ihre Version am Ende hatte? So gar nicht deutsch, oder? Sie selbst hätten sich nicht so ausgedrückt, stimmt’s?

. . . doch analog ist besser

Das hat einen einfachen Grund: Die naheliegende Übersetzung ist nicht immer die beste. Oft gibt es eine schönere, zum Beispiel durch ein treffenderes Wort. Es muss nicht mal falsch sein, was da wörtlich übersetzt steht, es wird nur besser, wenn man sinngemäß überträgt. Das merken Sie daran, dass auf einmal ein so glasklarer, widerspruchsfreier Sinn entsteht, dass es Ihnen wie Schuppen von den Augen fällt. Nichts klingt mehr schief oder komisch, sondern logisch und überzeugend. Die Aufgabe besteht darin, die richtige Analogie zu finden. So heißt familiar vertraut, statt der Firma bietet sich die Kanzlei an, und letzte Nacht ist oft gestern Abend. Andere Kulturen benutzen andere Bilder und haben deshalb eigene Redewendungen, weswegen at the end of the day im Deutschen besser mit unterm Strich zu übersetzen ist.

Wenn jemand den Baum hochbellt  . . .

Sie stehen mit dem Problem nicht allein, selbst Branchengrößen schlüpft mal was durch. Unvergessen der Moment, als in einem Spiegel-Interview jemand den falschen Baum hochbellte. Was der Autor für ein originelles Bild seines Gesprächspartners hielt, war allerdings eine Redewendung – bloß, dass er sie nicht erkannt hatte. To bark up the wrong tree enspricht im Deutschen dem sprichwörtlichen Holzweg. Wenn Sie jemals so etwas vor sich haben, tun Sie sich einen Gefallen und überprüfen Sie es.

. . . muss das nicht sein: Der rettende Link

Zugegeben, um auf den richtigen Dreh zu kommen, braucht es Erfahrung, Sprachgefühl und Aufmerksamkeit, damit man sein erstes Ergebnis beurteilen und ggf. verbessern kann.  Aber es gibt auch mitfühlende und vor allem fleißige Mitmenschen, die anderen gern das Leben erleichtern. Z.B. hat sich Stefan Winterbauer die Mühe gemacht, die häufigsten Übersetzungsfallen übersichtlich, alphabetisch sortiert und knapp kommentiert in einer Tabelle zusammenzustellen – damit niemand mehr reintappen muss. Surfen Sie mal hin – schon beim ersten Stöbern hat man so manches Aha-Erlebnis.

8 Responses to Den falschen Baum hochbellen: Wie Sie nicht in Übersetzungsfallen tappen
  1. […] noch ein häufiger falscher Freund, hier etwas Generelles zu den Gefahren wörtlicher Übersetzung. Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, […]

  2. […] dass ein englisches Wort in ein ähnlich klingendes deutsches übersetzt wurde – statt es in das sinnvoll Richtige zu […]

  3. […] die Gefahren wörtlicher Übersetzung mit anschaulichen Beispielen habe ich schon einmal gebloggt: Wie Sie nicht den falschen Baum hochbellen.  Posted in Allgemein, Stil, Tipps, Übersetzung Tagged 2014, false friend, Neologismus, […]

  4. […] Leider kommt diese Technik der lautmalerischen Übersetzung in Medien häufiger vor als man sich wünschen würde, und häufig sitzt dabei einem echten falschen Freund auf, z.B. dem Hund, der den Baum hochbellt. […]

  5. […] den schönsten sinnentstellenden wörtlichen Übersetzungen habe ich einen weiteren Beitrag […]

  6. […] habe ich Grundsätzliches über Übersetzungsfallen gebloggt und tippe auch hier auf ein klassisches Problem aus wörtlicher […]

  7. […] Nicht, dass wir nicht wüssten, was gemeint ist, wo wir uns befinden; aber das genaue Zielwort ist im Deutschen ein anderes. Der Übersetzer hat aus dem großen Wortschatz nicht den spezifischen, zutreffenden Begriff gewählt, sondern nur einen ungefähren, wörtlich übersetzten. Wenn das Ganze gemeint ist, dann Praxis, wenn der einzelne Raum gemeint ist, dann Sprechzimmer. Keinesfalls ist es ein Büro. (Vgl. auch dazu die Firma) […]


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