Teaser werden gern mit der rhetorischen Frage „Warum eigentlich“ abgeschlossen. Zwingender Grund für die Frage: Warum eigentlich?

Warum-eigentlich-2014

Floskel „Warum eigentlich“ (Bildschirmfoto) – das Stereotyp greift zu kurz.

(10.4.2014) Zum Beispiel grübelte die Süddeutsche Zeitung vergangenes Wochenende anlässlich des 20. Todestages Kurt Cobains, warum uns dessen Vermächtnis eigentlich so fern liegt – s. Bildschirmfoto? Tja, warum eigentlich? Oder zum Beispiel forscht jemand auf Spiegel Online den Beweggründen für Annette Schavans Enttarnung nach. In beiden Beispielen endet der Teaser mit den Worten „Warum eigentlich?“ Bevor Sie mutmaßen, ich würde nur bestimmten Medien am Zeug flicken: Auch die FAZ ist fröhlich dabei, hier in Gestalt eines Kommentars zum neuen Verkehrsminister. Und ich frage mich wieder: Warum eigentlich?

Klar, Teaser sollen nicht zuviel vom Inhalt verraten, sondern neugierig machen und damit den nächsten Klick auslösen. Darüber freut sich erst das Analyseprogramm und dann der Bannerverkäufer. Insofern ist es klug, einen Teaser mit einer Frage enden zu lassen. Aber wieviel  Rhetorik-Routine nimmt der Leser hin, bevor er wegklickt? So inflationär, wie nach dem eigentlichen Grund derzeit gefragt wird, kann es dahin nicht mehr weit sein.

Attacke aus der Tiefes des Raumes

Vielleicht hat es nur damit zu tun, dass man durch diesen Trick dem Thema Relevanz gibt, die es vielleicht nicht hat, weil die Frage nach dem Eigentlichen immer etwas Grundsätzliches impliziert? Dass man sich damit eine billige Eintrittskarte für die Veranstaltung „Wir dürfen jetzt mal unter Reimraumbedingungen alles in Frage stellen“ kauft.

Auf mich wirkt „Warum eigentlich?“ altklug, anmaßend, aufsässig, abgenudelt – und abschreckend. Der stets kritische und mit allen Wassern gewaschene Journo erzählt hier mal dem Gegenstand des Berichts (und dem Leser), was Sache ist (sofern er noch da ist). Die vorgetäuschte Verblüffung der Frage suggeriert Hintergründigkeit, Tiefe im Artikel, Kunde und Kompetenz des Autors – und das, obwohl das Stereotyp intellektuell so erkennbar kurz greift.

Die Floskel hat etwas Energisches, Reinigendes, Heilbringendes. Ich, der unabhängige, freidenkende, allen Zwängen enthobene Chefdenker komme aus der Tiefe des Raumes und sage Dir, was eigentlich mit Dir los ist. Hier wird per Rhetorik Überlegenheit hergestellt, hier wird ein Machtverhältnis begründet, aber es werden auch Erwartungen geweckt, die nur schwer einzulösen sind.

Sachlichkeit statt Stereotyp

Geneigte Leser dieser Veranstaltung ahnen, was ich als erstes raten möchte: Rhetorische Rauchbomben wie diese lieber nicht zu zünden. Was möchte man der FAZ empfehlen? Sachlich zu bleiben: Fragen wie „Warum ist Dobrindt wie vom Erdboden verschwunden?“ „Warum hört man nichts von ihm?“ wären bei gleichem Inhalt rhetorisch glücklicher, hielten sie doch den Ball etwas flacher. Auch bei Frau Schavan hätte Sachlichkeit dem Teaser zu mehr Bodenhaftung verholfen: „Was treibt Schmidt?“ Oder „diesen Mann?“ Oder „den Jäger?“ Beim Schreiber der Süddeutschen wird es schon deswegen schwierig, weil er mit seiner kühnen These den Bogen weit spannt. Um ihr Fundament zu geben, wäre eine „Bestandsaufnahme“ oder „Spurensuche“ wahrscheinlich passender gewesen.

Mehr Rhetorik: Hier lesen Sie über die ebenfalls beliebte, aber ebenso ausgelutschte und sinnentleerte Phrase vom „grandiosen Scheitern“.

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