Grandios scheitern gehört zu den ausgelatschtesten Phrasen in Feuilleton und Vermischtem. Warum es besser ist, nicht so zu übertreiben.

Susanne-Blaschke-scheitert-grandios

Aus dem Phrasen-Baukasten: „Grandios gescheitert“ (Bildschirmfoto)

(2.11.2013) Wenn jemand gerade etwas verbockt hat und Sie das öffentlich kommentieren müssen (oder sollen oder dürfen), können Sie auf keinen Fall nachrichtlich bleiben und davon schreiben, dass er (oder sie) einen Fehler gemacht hat. Nein, Regel eins der Regeln für Schreiber fordert, dass Sie werten oder übertreiben. Das heißt: Bitte ein bisschen Melodramatik und eine Prise Pathos und unbedingt von scheitern sprechen.

Scheitern sympathisch werden lassen

Weil Ihnen die Person auch noch sympathisch ist, Sie aber gleichzeitig in Ihrer Funktion als Berichterstatter neutral bleiben müssen, werten Sie das Scheitern einfach auf: Schreiben Sie, die Person sei grandios gescheitert. Ist die Person Ihnen unsympathisch, verwenden Sie bitte versagen. Damit brandmarken Sie wirkungsvoll und werten sich auf, indem Sie sich zum allwissenden Richter aufschwingen.

Oder besser: Tun Sie das nicht. Es gibt kaum eine ausgelutschtere Phrase im Medienbetrieb. Schon vor zwanzig Jahren war sie nicht mehr neu, und jetzt geht sie gar nicht mehr. Vor allem dann nicht, wenn die Phrase auch noch schnell als solche zu erkennen ist, weil sie mit dem Rest der Nachricht in offenkundigem Gegensatz steht.

Wenn die Phrase sich selbst entlarvt

Zum Beispiel hier in einem Bericht über den Rücktritt der Kieler Oberbürgermeisterin Gaschke auf Spiegel Online. Im Intro finden Sie die überhöhende, rechtfertigende Phrase. Dabei wird die ehemalige Amtsinhaberin in der Head mit den Worten zitiert: „Ich habe es vergurkt.“ Wenn Sie mich fragen, geht das nicht zusammen. Wer etwas vergurkt, kann nicht grandios gescheitert sein. Vergurken klingt klein, wie eine Mischung aus Einsicht und Selbstmitleid, und nicht groß wie grandios. Aber schön, dass uns der Schreiber bewiesen hat, dass er die Phrase beherrscht.

Mehr Phrasen aus dem Feuilleton.

2 Responses to Einfach mal scheitern
  1. […] Mehr Rhetorik: Hier lesen Sie über die ebenfalls beliebte, aber ebenso ausgelutschte und sinnentleerte Phrase vom „grandiosen Scheitern“. […]


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