Ist der Ehrenmann/-frau wirklich das Jugendwort des Jahres? Ein Plausibilitäts- und Relevanztest.

Ehrenmann ist Jugendwort des Jahres 2018

Der Ehrenmann: Wiederentdeckung alter Werte oder sprachliche Adelung des Deutschraps? (Bildschirmfoto)

Das Jahresende naht, die Preise werden vergeben. Das Jugendwort des Jahres, eine Werbe-Veranstaltung des Langenscheidt-Verlages mit jounalistischem Nutznebenwert, macht den Anfang. Dieses Jahr siegte

Ehrenmann/Ehrenfrau.

Ehrenmann wird nicht gegendert

Geneigte Leser dieses Blogs wissen, dass ich regelmäßig einen Plausibilitäts- und Relevanztest mit meiner halbwüchsigen Tochter mache. Sie werden sich sicher freuen, dass ihr der Ehrenmann geläufig ist. („Die Ehrenfrau nicht, niemand sagt Ehrenfrau, das wird nicht gegendert.“) Gendern sagt sie wirklich, das hat sie von den Lehrern, die den Schülern das an passender Stelle einbimsen.

Aber, oh weh: „Das Wort ist asi“, erläutert sie. „Es wird positiv benutzt, aber unter Asis.“ Beispiel: „Ey, Digger, Du Ehrenmann.“  Ungefähr so wie hier in einem der 14.297 (!) Kommentare (Stand: 17.11.2018) auf YouTube zu diesem Disstrack by Raportagen

Firegoden was bist du für ein blaser. Du pussy wirst von mir zerfickt.

Ehrenmann: Ein positives Zeichen?

Insofern ist die Anmerkung der Jury, hier handele es sich „in Zeiten von Hass und Hetze um ein positives Zeichen“, milde formuliert, ein grobes Missverständnis, und das Prinzip von Ironie und derberem Humor in Pranks nicht hinreichend berücksichtigt. Und dies, obwohl der Zitatgeber ein „18-jähriger Youtuber“ sein soll. Allerdings hat sein Kanal weniger Abonnenten als der Disstrack Kommentare, von den Aufrufen ganz zu schweigen.

Ein Interview auf n-tv mit einem Sprachwissenschaftler zeigt, dass Jugendliche sich gern von anderen Kulturen inspirieren lassen, und sei es auch nur zur „Begrüßung oder Beleidigung“. Das legt vielmehr nahe, dass der Ehrenmann eine spielerische Reflektion auf das mittelalterliche Schuld- und Sühnekonzept des Islam oder die Riten und Rollen in arabischen Clans zurückgeht. Ich sehe außerdem eine deutliche Querverbindung zur Popularität des deutschsprachigen Rap, der auch betont wertebewusst und in türkisch-arabischer Kultur verwurzelt ist.

Ehrenmann: Ursprung im Ganstarap?

Die Langenscheidt-Jury dagegen glaubt, der Ehrenmann – ich zitiere sinngemäß – sei eine Wiederentdeckung aus einer früheren Sprachstufe in einem anderen gesellschaftlichen Kontext, nicht mehr auf höhere Schichten und Männer beschränkt. Aus dieser Analyse lese ich viel politisch korrektes Wunschdenken und wenig Realitätsbezug heraus. Denn es fehlt das entscheidende Stück, im Krimi auch Motiv genannt: Warum sollte die Jugend ausgerechnet 2018 den Ehrenmann entdecken? Wenn man die Zeit bedenkt, die die Diffusionsprozesse brauchen, könnte eine der Antworten lauten: Die große Zuwanderung 2015 ist ein Faktor. Seitdem sind die arabischen Kids in der Schule, auf Plätzen und in den Straßen, man begegnet und beschnuppert sich. Die zweite, wahrscheinlich sogar stärkere, wäre die Ausstrahlung des Gangstaraps. Wenn man den oben verlinkten Beitrag über Kollegah zum Maßstab für die allgemeine Ausbreitung und Wertschätzung nimmt, trägt dessen Kraft nach über zehn Jahren wohl stärker zur Popularität des Ehrenmanns bei als der Juryansatz. Das YouTube-Beispiel fügt sich da ein.

Ehrenmann: Alternativen

Meine Tochter meint, „Lauch“ hätte das Jugendwort des Jahres werden müssen. „Das sagt wirklich jeder“. Das Wort umfasst aber nicht nur die als Bedeutung angebotenen „Trottel“, sondern beschreibt auch hager gewachsene Menschen; das Bild legt es nahe. Auch „auf Dein Nacken“ für „Du zahlst“ wäre passend, „AF“ für „as fuck“ auch („Das schreibe ich 24/7“). Das vom Sprachwissenschaftler favorisierte „Sheeesh“ kennt sie nicht. Vielleicht spielen hier regionale Unterschiede eine Rolle. Wir sind in München, er in Berlin.

„Verbuggt“ war ihr ebenfalls nicht geläufig, (der Bug als Fehler dagegen schon), „glucosehaltig“ für süß auch nicht, „ich küsse Dein Auge“, „Snackosaurus“ und erst recht „lindnern“ „sagt wirklich kein Mensch“. Nun ja, nicht auszuschließen, dass auch Erwachsene mitgestimmt haben.

Hier geht’s zum Eintrag über das Jugendwort des Jahres 2017 – i bims.

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