Mit einem einfachen Kniff gelingt es spielend, Produkte rhetorisch aufzuwerten. Das Beispiel eines Weins, der kein Aroma, sondern eine Aromatik hat.

Aromatik macht den Wein besser

Larger than Life: Weinbeschreibung mithilfe der Aromatik

Mein Tengelmann wurde letztes Jahr infolge der „Rettungsaktion“ des damaligen Wirtschaftsministers Gabriel zu einem Edeka. Damit veränderte sich das Weinsortiment. Neu sind relativ günstige, aber gut trinkbare französische Rotweine. Nun versucht jeder sich bestmöglich zu verkaufen, auch der Anbieter des Weines mit dem Namen „Les Aromes de France“ , nur dass sich das auf die Wortwahl, um nicht zu sagen Rhetorik, auf dem Etikett durchschlägt. In diesem Fall mit unfreiwilliger Komik.

Lesen Sie mal das Kleingedruckte auf dem rückwärtigen Etikett. Weinbeschreibungen waren schon immer blumig. Doch die folgende Formulierung ist besonders gut. Für den Fall, dass Sie die Schrift auf dem Bild wegen der Größe nicht entziffern können, hier noch einmal, was da steht:

Les Aromes de France bieten Ihnen trockene Rebsortenweine, die sehr rund, weich und vor allem sehr fruchtbetont sind.

So weit, so gut. Jetzt kommt’s:

Sie verfügen über eine sehr ausdrucksvolle Aromatik.

Aromatik? Aroma hätte vollkommen genügt. Weiter unter kommt das gewaltige Wort gleich nochmal:

Die Aromatik dieser Rebsorte erinnert im Duft an Veilchen.

Da haben Sie auch gleich das treffende Wort: Duft. Bei einem Parfum hätte man es verwenden können, bei einen Wein ist es wohl unüblich, weil zu banal. Versteht sich, dass Sie Aromatik nicht im Duden finden. Und ich muss sagen: Ich war froh, dass der Duft nicht ein wenig an Veilchen erinnerte – ebenfalls ein gern genommener medialer Rhetoriktrick, um zu relativieren und Positionen abzuschwächen.

Aroma vs. Aromatik – der Trick

Wie klein wirkt die Technik gegen die Technologie? Gemeint ist wahrscheinlich dasgleiche, meist werden beide Begriffe synonym verwendet, wenn es auch einen Unterschied gibt. Leicht lassen sich weitere Beispiele mit demselben Muster finden:

  • Problem vs. Problematik
  • System vs. Systematik
  • Drama vs. Dramatik
  • Thema vs. Thematik
  • Methode vs. Methodik

Mehr Schein als Sein

Sie sehen, der Trick mit dem angehängten -ik lässt sich vielfach anwenden. Sachlich gibt es durchaus einen Unterschied: Das eine ist das Ding selbst, die Empfindung oder Erscheinung, das andere die Lehre oder Wissenschaft davon. Der Überbau oder die Meta-Ebene, wie man neudeutsch formulieren würde. Doch die Begriffe werden auch gern rhetorisch missbraucht und gern vertauscht. Und zwar immer dann, wenn es darum geht, sich abzusetzen und größer zu erscheinen als man ist. Um etwas attraktiver, wertiger oder wichtiger zu machen. Deswegen wird der Kniff nicht nur in der Werbung, sondern auch in der Politik gern angewendet – dort dazu, um Banalitäten oder Nebensächlichkeiten wichtig und grundsätzlich erscheinen zu lassen.

Die Komik der Aromatik

Diese Vorgehensweise ist ein legitimes Anliegen und in den meisten Fällen auch nicht weiter schlimm. In diesem Fall war es so unfreiwillig komisch, weil das Wort erkennbar nicht zu einem Wein passt, der für 3,99 Euro zu haben ist. Ein Wein, bei dem man von Aromatik sprechen wollte, wäre erstens teurer und hätte zweitens keinen deutschen Text auf dem Etikett. Der wäre selbstverständlich in Französisch verfasst.

Hübsch war auch der Versuch, Weintrauben durch einen Namen qualitativ aufzuwerten. Da war der Edeka noch mein Tengelmann.

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