Willkommen Nafri als erstes neues Wort 2017. Was es bedeutet, warum es so einen Wirbel machte, und wie man es textlich betrachten kann.

Nafri 2017

Tweet der Polizei (Bildschirmfoto): „Nafris überprüft.”

(6.1.2017) Das neue Jahr war kaum ein paar Stunden alt, da konnten wir schon ein neues Wort begrüßen: Nafri. Was ist das?

Ein nordafrikanischer Intensivtäter.

Benutzt und damit in die Welt gebracht hat es die Kölner Polizei, Auslöser war ein Tweet. Anlass dafür war eine größere Zusammenrottung Verdächtiger am Kölner Domplatz zu Silvester. Sprachlich ist der Nafri ein Akronym, ein Wort aus Anfangsbuchstaben. (Eine umfassendere Definition bietet die Wikipedia). Sie werden nicht nur bei Behörden, sondern auch im Marketing häufig verwendet. Vgl. etwa Haribo, das bekanntlich für Hans Riegel, Bonn, steht. Oder Aldi für Albrecht Discount. Oder MAN für Maschinenfabrik Augsburg Nürnberg. Oder Vodafone Voice, Data, Fax Over Net. (Auch dazu findet sich eine umfassende Liste in der Wikipedia.)

Zur inhaltlichen Debatte, ob das Wort rassistisch ist, weil es eine ganze Bevölkerungsgruppe nur wegen ihres Aussehens unter Generalverdacht stellt, wird anderenorts viel gesagt. (S. hier Spiegel-Online, Meedia, Baz-Online). Mir geht es hier heute um die sprachliche und mediale Einordnung.

Behördenjargon

Behörden und Politik drücken sich typischerweise so aus. Kripo, Soko und Stasi sind drei Beispiele, die jedem geläufig sein dürften. (Die Wikipedia hat wiederum eine lange Liste polizeilicher Abkürzungen.) Insofern konnte es unmöglich überraschen, dass es einen derartigen Begriff gibt. Mit dem einen Unterschied, dass Nafri Menschen bezeichnet, und die sind in Politik und Medien eine besondere Kategorie, weswegen auch schnell von Herabwürdigung die Rede war. Zu bedenken ist m.E., dass gerade in einem Medium wie Twitter, das für Kurzmitteilungen mit 140 Zeichen gemacht ist, zwangsläufig Abkürzungen das Mittel der Wahl sind. (Darüber habe ich hier gebloggt.) Insofern war der Einsatz unbedacht, aber nachvollziehbar.

Der Niedlichkeits-Effekt

Was den Nafri brisant macht: während ein -o am Ende oft auf südländische Herkunft schließen lässt (Francesco, Antonio) und ein -a auf eine Frau hindeutet (Viktoria, Antonia), steht das -i im Deutschen für eine Verniedlichung: Toni, Michi, Andi. Die Kölner Polizei nutzte es als Abkürzung für Intensivtäter, was bei der Debatte schnell in Vergessenheit geriet. Im Vordergrund stand die Empörung, insofern die Diskussion rasch faktenfrei, Verzeihung: postfaktisch wurde, was ja sonst interessanterweise exklusiv den anderen vorbehalten ist. Zumal ebenso schnell das i in seiner eigentlichen Bedeutung unterschlagen und nur auf Nordafrikaner abgestellt wurde.

Tipp: Fingerspitzengefühl

Akronyme sind praktische Werkzeuge, um komplexe, sperrige Begriffe kompakt zu machen; deshalb sind sie so populär. Wenn Sie einen Shitstorm vermeiden möchten, sollten sie sorgfältig prüfen, ob sich jemand beleidigt oder herabgesetzt fühlen könnte – versuchen Sie immer, den Empfänger und seinen Horizont einzuschätzen. Die Aufregung um den Nafri zeigt, wie sensibel Teile der Öffentlichkeit geworden sind, und wie schnell einem etwas um die Ohren fliegen kann.

Andererseits scheint es sich hierbei um die „Netz-Öffentlichkeit“ zu handeln, die erstens nicht notwendig repräsentativ für die Gesamtbevölkerung ist und zweitens besonders leicht ihre Erregung artikulieren kann. Eine aktuelle Umfrage bei YouGov ergab, dass Begriffe wie Gutmensch oder Lügenpresse für eine Mehrheit akzeptabel sind. Der Schluss liegt nahe, dass die Umfrage für den Nafri ein ähnliches Akzeptanzniveau ergäbe.

Wie schön Akronyme funktionieren, zeigt z.B. Yolo, das Jugendwort 2012.

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