2016 verarmte die Sprache in den Redaktionen weiter. Die Standardreaktion auf schlechte Nachrichten waren Empörung und Entsetzen. Dabei bieten sich zahlreiche Alternativen an.

Empörung-und-Entsetzen-sind-Sprechblasen-geworden

Schlagzeile aus dem „Westen“: Wie wär’s mit Aufregung? Oder Wut und Widerstand?

(29.12.2016, Nachtrag 17.01.2017) Wenn ich die Nachrichtenportale in diesem Jahr besucht habe, herrschten zwei emotionale Reaktionen vor: Entweder empörte man sich, oder man sprach von Entsetzen. Selbst einfachste PR-Geschichten konnten diese starke emotionale Reaktion hervorrufen. Ich frage mich, ob Redakteure sich fragen, was es bedeutet, wovon sie schreiben, oder ob sie nur reflexhaft Sprechblasen absondern. Aber vielleicht wollten sie in diesem Fall nur lustig sein, wer weiß; bekanntlich ist Humor geschrieben schwer zu erkennen.

Nun liegt diese Reaktion teilweise in der Natur der Sache. Formal, weil sich schlechte Nachrichten besser verkaufen als gute; also wird vorwiegend über schlechte berichtet. Inhaltlich, weil sich in diesem Jahr viele verstörende, traurige, wütend machende Ereignisse zutrugen. D.h. die Reaktion im Gefühlsspektrum muss negativ sein, positive Reaktionen wie Freude, Stolz oder Heiterkeit scheiden von vornherein aus. (Vorausgesetzt, die Autoren sind keine Zyniker.)

Empirie für Empörung und Entsetzen

Machen wir den obligatorischen Empirie-Test: 83.400 Treffer für Empörung auf Spiegel Online (Stand: 29.12.2016), 19.100 für Entsetzen. Das ist achtmal soviel wie das Synonym Erregung (10.300 Treffer) oder dreimal soviel wie Aufregung (39.200 Treffer). Dies ist kein Phänomen einer bestimmten publizistischen Linie. Bei der Welt kommt die Empörung auf 15.900 Treffer, während Entsetzen 9.020 Mal gefunden wird (Stand: 29.12.2016). Und wenn es richtig gut läuft, findet man sogar beides in einer Meldung – s. Bildschirmfoto. Das bietet sich an, denn beide Worte beginnen mit einem E und haben drei Silben – das sorgt für Alliteration und Rhythmus. Bedauerlicherweise habe ich keine Vergleichszahlen zum Vorjahr, um die Veränderung numerisch belegen zu können.

Die Reduktion von Ärger, Enttäuschung oder Trauer auf Empörung und Entsetzen ist in zweierlei Hinsicht arm: Gedanklich und sprachlich. Kann man keine differenziertere Reaktion auf, zugegeben: schlechte Nachrichten erwarten? Und lassen sich diese differenzierteren Reaktionen nicht unterschiedlich beschreiben?

Immer gleich maximale Lautstärke?

Plus: Empörung und Entsetzen stehen auf der Gefühls-Skala für maximale Intensität, wie gleißende Helligkeit inmitten tiefster Finsternis. Erste Konsequenz: Man wird geblendet, wenn das Licht angeht. Zweite Konsequenz: Die meisten Dinge sind nicht so grell. Will heißen: Auf den zweiten Blick sieht man eine Menge Grau- und Zwischentöne, und schon wirkt die anfängliche Hysterie übertrieben und überzeichnet. Wie wäre es mit Maß und Mitte? Und weiter noch: Warum glaubt die Presse eigentlich, ihr Heil liege in der Übertreibung? Lautstärke war zu Zeiten starken Kioskverkaufs vielleicht noch angezeigt, aber heute, da sich Medien vorwiegend staatstragend und beruhigend gerieren, könnten andere Ziele wichtiger sein – und damit die Mittel in der redaktionellen Darstellung.

Was man für Empörung noch sagen kann . . .

Ein Blick in das gepriesene Standardwerk „Sag es treffender“ hilft. Dort klassifiziert man Empörung als Form von Ärger und empfiehlt als Synonyme

Aufwallung, Erregung, Aufgebrachtheit, Gift und Galle, Zähneknirschen, Wut, Wutanfall, Zorn.

Hier ein paar zusätzliche Alternativen für Empörung aus dem Duden:

Ärger, Entrüstung, Erbitterung, Erregung, Verärgerung; (gehoben) Groll, Ungehaltenheit; (umgangssprachlich) Rage;

Das sind doch eine ganze Reihe brauchbarer Möglichkeiten, auch wenn mir klar ist, dass bei den schreibenden Kollegen Dinge wie Wut oder Zorn aus bestimmten Gründen verpönt sind. Was mir zusätzlich einfällt, mit Blick auf einen unterschiedlichen Gefühlsgrad: Kopfschütteln, Stirnrunzeln, Aufregung, Aufschrei, Verstörung, Ablehnung, Zurückhaltung, Kritik, Widerstand. Statt einer bloßen Wortersetzung bietet sich auch eine Redewendung an: Aus der Haut fahren.

. . . und was für Entsetzen

Entsetzen versteht man bei „Sag es treffender“ als Form von Angst, was einen weiten Raum öffnet. Hier ein paar Synonyme:

Bangen, Grauen, Erzittern, Erbeben, Erschrecken, Schrecken, Panik, Kopflosigkeit, Schock.

Dazu kennt man beim Duden als Synonyme für Entsetzen:

Bestürzung, Erschrockenheit, Fassungslosigkeit,  Graus[en], Horror, Schreck[en]; (gehoben) Schauder.

Was mir zusätzlich einfällt, mit Blick auf einen unterschiedlichen Gefühlsgrad: Verzweiflung, Erschütterung, Abscheu, Ekel. Als Redewendung wäre außer sich sein noch passend. Flapsig formuliert könnte man auch an die Decke gehen. Hier muss jeder Texter abwägen, ob diese Metapher dem Ereignis angemessen ist. Schließlich wäre zu fragen, ob jedes Ereignis wirklich Entsetzen hervorruft, oder ob es auch eine Nummer kleiner geht, ob vielleicht Erschütterung schon genügt.

Wo wir schon bei emotionaler Verengung sind, hier meine Beobachtungen zu einer Variante, nämlich der Fokussierung auf Hass und Hetze.

Das war’s von hier für 2016. Ich danke allen Lesern für Lektüre, Kommentare und kritische Anmerkungen. Wir lesen uns im kommenden Jahr mit weiteren Beiträgen zum Sprachgebrauch in Medien.

Nachtrag (17.01.2017): Im Wortauskunftssystem der DWDS kann man Worthäufigkeiten ermitteln. Meine Thesen für Empörung finde ich ausdrücklich, für Entsetzen prinzipiell bestätigt.

Nachtrag (20.1.2017): Auf Übermedien finde ich in einem Beitrag zum Gender Pay Gap in den Kommentaren (#6) folgendes Bonmot: „Empörung ist die Währung des Rechts und der Wahrheit.“ 🙂

2 Responses to Nur Empörung und Entsetzen
  1. […] aber schnell, bevor die Welt untergeht – oder die erste Woge der Empörung und des Entsetzens wieder abebbt. Wohl nie zuvor in der jüngeren Vergangenheit hat ein amerikanischer Präsident die […]

  2. […] für Intensivtäter, was bei der Debatte schnell in Vergessenheit geriet. Im Vordergrund stand die Empörung, insofern die Diskussion rasch faktenfrei, Verzeihung: postfaktisch wurde, was ja sonst […]


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