Nach Brexit und Trumps Triumph stürmt ein neues Wort die Medien: Postfaktisch. Was es bedeutet, woher es kommt, warum es benutzt wird – die Zusammenstellung.

(18.11.2016, Nachträge 9.12.2016, 16.1.2017) In der Debatte um die Frage, was Populismus ist, und wie die „richtige“ Politik auszusehen hat, wenn alles „immer komplizierter“ wird, hat sich nach Brexit und der Wahl des US-Präsidenten ein Wort mächtig in den medialen Vordergrund geschoben. So stark, dass man von einem Durchstarter sprechen möchte.

Postfaktisch

Manche, wie z.B. Schauspieler Ulrich Matthes auf Übermedien, haben es sogar schon zum persönlichen Hasswort gewählt – das ging schnell.

postfaktisch

Auf der anderen Seite hat das Oxford Dictionary das englische Äquivalent post-truth in dieser Woche sogar zum Wort des Jahres 2016 gewählt. Während postfaktisch am 13.11.2016 auf relativ bescheidene 72.900 Treffern bei Google kam, waren es am 16.11. bereits 134.000  – 84 Prozent Steigerung in drei Tagen. Wahl und Wort haben also einigen Staub aufgewirbelt. Gleichzeitig kann man sich unter postfaktisch bei Licht betrachtet erstmal wenig bis nichts vorstellen, weil es so abstrakt ist. Im steten Bestreben um Nützlichkeit und Aufklärung habe ich daher den aktuellen Sachstand zusammen- und einordnende Überlegungen angestellt.

Das Oxford Dictionary definiert so:

Das Adjektiv beschreibt Umstände, in denen objektive Tatsachen einen geringeren Einfluss auf die Gestaltung der öffentlichen Meinung haben als Apelle an Emotionen und persönliche Überzeugung.

Der Duden verzeichnet postfaktisch noch nicht, sondern schlägt postalisch als Alternative vor. 😉 (Nachtrag: Nur bis 8.12. Nach der Wahl zum Wort des Jahres in Deutschland“ am 9.12. wird postfaktisch auch auf der Dudenseite geführt, allerdings nicht als Eintrag im Wörterverzeichnis.) Die Wikipedia hat diese kurze und bündige Definition von postfaktisch im Angebot:

auf Gefühlen, nicht auf Tatsachen beruhend

Zur Herkunft heißt es, es handele sich um eine Lehnübersetzung aus dem Englischen zum Adjektiv post-truth, das von Ralph Keyes in seinem 2004 erschienenen Buch „The Post-Truth Era“ geprägt wurde. Das passt zunächst mal zu oben. Synonyme wären lt. Wikipedia:

gefühlsmäßig, populistisch, unsachlich

Zur Frage, was weiterführend unter postfaktischer Politik zu verstehen ist, finden wir wieder in der Wikipedia diese Begriffsbestimmung.

Postfaktische Politik bezeichnet ein politisches Denken und Handeln, bei dem Fakten nicht mehr im Mittelpunkt stehen. Die Wahrheit einer Aussage tritt hinter den Effekt der Aussage auf die eigene Klientel zurück. In einem demokratischen Diskurs wird – nach dem Ideal der Aufklärung – über die zu ziehenden Schlussfolgerungen aus belegbaren Fakten gestritten. In einem postfaktischen Diskurs wird hingegen gelogen, abgelenkt oder verwässert – ohne dass dies entscheidende Relevanz für das Zielpublikum hätte. Entscheidend für die von postfaktischer Politik angesprochenen Wähler ist, ob die angebotenen Erklärungsmodelle eine Nähe zu deren Gefühlswelt haben.

Die Definition ist ernsthaft und ehrenwert, aber theoretisch. Verräterisch ist u.a. der Hinweis auf das Ideal der Aufklärung. Die Welt und die Realität erklärt sie nicht, denn angenommen wird, dass Fakten im Mittelpunkt der Politik stehen. Was wurde aus Lügen, Intrigen, Ränkespielen, die man schon in der res publica im alten Rom kannte? Gab es nicht immer schon Propaganda, Desinformation, Manipulation? In Keyes Buch geht es lt. Untertitel um Unehrlichkeit und Täuschung („Dishonesty and deception“). War Politik früher faktischer, ehrlicher, frei von Täuschungen und finsteren Motiven? Erinnert sich noch jemand an Watergate, um nur ein Beispiel zu nennen? Oder daran, dass niemand die Absicht hatte, eine Mauer zu bauen? Ging es nicht immer schon darum, seine Interessen durchzusetzen, zwar auch faktengestützt, aber gern auch emotional? Oder so, wie einem die Fakten gerade in die Argumentation passen?

(Nachtrag 16.1.2017) Dies gilt auch für die mediale Darstellung. Wie kommen wir darauf, dass Medien die Wahrheit darstellen (sollen)? Schön wär’s, aber das ist historisch betrachtet nicht so. Schon immer gab es Zitate, die aus dem Zusammenhang gerissen wurden, einseitige Darstellung, Übertreibungen, Kampagnen für oder gegen etwas. Blätter wie die Bildzeitung wurden und werden dafür seit Jahrzehnten beobachtet und kritisiert, z.B. im Bild-Blog. Dass aktuell die Sozialen Medien mit Fake News (Falschmeldungen) im Rampenlicht stehen, lässt sich am ehesten damit begründen, dass sie in jüngster Zeit viel Zulauf hatten (mehr als etablierte Zeitungen und Zeitschriften), und dass die technischen Hürden niedrig sind. Das erlaubt Branchenfremden und Privatleuten, leicht Einfluss zu nehmen, aber auch Social Bots, automatisiert Posts zu setzen.  Und weckt Ängste bei etablierten Medien und Politikern, die Kontrolle über die öffentliche Kommunikation zu verlieren. Dem steht gegenüber, dass ich eine Menge Leute kenne, die weder bei Twitter noch Facebook sind und daher von derartigen Kampagnen gar nicht erreicht würden.

Gerade die Vielzahl und das Übermaß von Fakten scheinen mir die Welt so kompliziert zu machen – und einen Rückzug auf Bauch und Gefühl zu fördern. Wie daher Leute zu Fakten, Wahrheit und Vernunft stehen, wurde in einem Kommentar auf Spiegel Online schön zum Ausdruck gebracht:

Die Leute WOLLEN überhaupt nicht wissen, was wahr ist. Alles, was sich nicht mit der persönlichen Meinung deckt, ist unwahr, und alles wovon sie überzeugt sind, ist wahr, egal wieviele Beweise es dagegen gibt.

 Eine weitere Wählerbeschimpfung?

In Deutschland begann es so richtig mit Angela Merkels Zitat vom 19. September anlässlich des schwachen Abschneidens ihrer Partei CDU bei den Senatswahlen in Berlin.

Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten. Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sie folgen allein den Gefühlen.

(Der Tagesspiegel hat die Rede im Wortlaut dokumentiert).

Hier scheint mitzuschwingen, dass der eine (die Regierung) die Fakten hat, der andere nicht. Dass der eine vernünftig ist, der andere emotional. Der Begriff scheint mir vorwiegend zur Schuldzuweisung und Herabwürdigung des politischen Gegners benutzt zu werden – so wie bisher der Begriff populistisch, den die Wikipedia ja auch als Synonym nennt. Dafür spricht, wie dankbar sich Medien auf die Wahl zum Wort des Jahres stürzten. (Hier, hier oder öffentlich-rechtlich hier) „Seht ihr“, kommt da zum Ausdruck, „wir haben es doch gesagt: Die anderen sind postfaktisch, wir nicht.“ Eine Maschine bestätigt sich selbst.

Das Merkel-Zitat kommt mir umso verdächtiger vor, als schon seit längerem versucht wird, Politik als „alternativlos“ zu verkaufen. Das muss allein aus logischen Gründen nachdenklich stimmen: 0 oder 1, ja oder nein, schwarz oder weiß, oben oder unten, links oder rechts, handeln oder nicht – es gibt rein gedanklich immer mindestens eine Alternative.

Denkt man über die Politik hinaus, scheint mir für den Begriff zu sprechen, dass wir trotz so vieler Fakten wie nie ein Wiedererstarken von Religion, Glauben und Aberglauben im öffentlichen Leben erleben. Das hat auch die präfaktische Zeit, das Mittelalter, gekennzeichnet; die Aufklärung scheint auf dem Rückzug.

Weitere Synonyme: Das Wort als solches wirkt sehr wissenschaftlich. Post-irgendwas klingt stets nach Bildung. Es täuscht etwas Neues vor, da ein Stadium davor überwunden zu sein scheint. Doch sehr konkret ist es nicht. Wollte man sich genauer ausdrücken, könnte man von faktenfrei oder irreführend sprechen.

Fazit: Der Begriff nimmt für sich Objektivität und Erklärungsgehalt in Anspruch, die er nicht hat. Er wird sich noch eine Weile halten, denn bald beginnt der Bundestagswahlkampf. Dauerhaft sehe ich wenig Chancen für eine Etablierung, weil er faktisch falsch ist.

Nachtrag (9.12.2016): Die Gesellschaft für deutsche Sprache kürt postfaktisch zum Wort des Jahres 2016. Da lag ich ja goldrichtig, obwohl ich etwas anderes gewählt hätte, nämlich die Nr. 2, Brexit.

Und hier noch mehr Wissenswertes, z.B. was Gentrifizierung oder Austeritätspolitik sind.

3 Responses to Was ist postfaktisch?
  1. […] wenn sie nicht mal grundlegende Begriffsbestimmungen hinbekommen? Aber dann die anderen zu Postfaktikern erklären. Tss! Ich bin ebenfalls erschüttert darüber, dass ein großes, teues Gremium bei […]

  2. […] News sind zwar noch recht neu, sie kamen erst ab November 2016 im Zusammenhang mit postfaktisch auf. Aber endlich wurde wieder ein relevanter, prägnanter Begriff  mit Unterscheidungskraft […]

  3. […] geriet. Im Vordergrund stand die Empörung, insofern die Diskussion rasch faktenfrei, Verzeihung: postfaktisch wurde, was ja sonst interessanterweise exklusiv den anderen vorbehalten ist. Zumal ebenso schnell […]


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