In einem Panorama-Beitrag auf Spiegel Online entsteht doppelter Schaden: Erst werden Adjektive lausig übersetzt. Dann stellt sich heraus, dass die Aussage des Originalartikels verdreht wird. Kein Ruhmesblatt für ein Medium mit höchsten Ansprüchen – und leicht zu vermeiden.

Am meisten charismatisch (Screenshot): Perfektes Sprachgefühl?

Am meisten charismatisch (Bildschirmfoto): Perfektes Sprachgefühl?

(6.3.2016, Nachtrag 7.3.2016) Spiegel Online bringt einen Artikel über Ben Affleck und Jennifer Garner, der vom  Geburtstag eines der Kinder handelt. Eine Quelle der Meldung ist ein längeres Porträt des US-Edelklatschblattes „Vanity Fair“, in der Garner Affleck als „die Liebe meines Lebens“ bezeichnet. So weit, so klar, so positiv. Jetzt kommt’s:

Er ist die brillanteste Person in jedem Raum, am meisten charismatisch, am meisten großzügig.

Bämm, um es mit Till Schweiger zu sagen. Am meisten charismatisch, am meisten großzügig. So klingt echtes Holperdeutsch. Und das in einem selbsternannten Premium-Medium, einem der meistgelesenen deutschen Nachrichtenportale. Was ist da passiert? Die erste Steigerung („brillanteste“) war doch noch richtig? Wieso auf einmal „am meisten“? Skrupel? Unwissenheit? Hast? Desinteresse? So viel steht fest: Das geht gar nicht.

Das Originalzitat aus der Vanity Fair geht so:

He’s the most brilliant person in any room, the most charismatic, the most generous.

Im Englischen wird bei vielen Adjektiven der Superlativ mit most gebildet. Das lernt man in der Mittelstufe. Aber das ist lange her; mit dem entsprechenden Ergebnis einer lausigen Wort-für-Wort-Übersetzung.

Der schiefe Gesamteindruck

Unseriös ist die Meldung allemal. Über ihren Ex-Partner sagt Garner im nächsten Satz:

He’s just a complicated guy. I always say, ‘When his sun shines on you, you feel it.’ But when the sun is shining elsewhere, it’s cold. He can cast quite a shadow.”

Hr. Affleck hat also auch seine Schattenseiten. Diese Differenzierung kommt der Realität näher als die platte Strahlemanngeschichte, die uns auf SpOn präsentiert wird. Über sich sagt Garner am Ende des Artikels:

“I definitely put a lot of time towards my marriage that I will now have for myself,” she says. “I don’t know how I will use that.”

Sie hat jetzt viel Zeit für sich, die sie während ihrer Ehe nicht hatte. Sie weiß noch nicht, was sie damit anfangen soll. Wenn Sie mich fragen: Nach Wiedervereinigung klingt das ganz und gar nicht, sondern nach Schlusssstrich. Wie kommt man zu der Schlussfolgerung, nach Scheidung klinge das alles nicht? Diese Schlussaussage führt den Leser an der Nase herum, hier wird ein falscher Eindruck erweckt. Man müsste den Artikel nur zu Ende lesen. War wohl keine Zeit. Oder zu viel Mühe. Oder brauchte man nur einen zur gewollten Ausrichtung passenden, griffigen Rausschmeißer? Floskel vor Richtigkeit?

Diese Geschichte war einfach, keine Recherche, keine Unsicherheit, nur einen Artikel lesen und übersetzen. Wenn sogar das in den Sand gesetzt wird, darf man sich über die schlechten Ruf der Presse in Deutschland nicht wundern. Die Spiegel-Gruppe fühlt sich laut ihrem neuen Claim in besonderer Weise der Wahrheit verpflichtet – das macht diesen Beitrag umso erstaunlicher.

Über die vielförmigen Probleme des Steigerns von Adjektiven habe ich hier gebloggt.

Nachtrag (7.3.2016): Die Redaktion hat den Artikel überarbeitet, die Steigerungen sind nun korrekt wiedergegeben.

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