Ich bin alleinerziehend, ich bin arbeitssuchend –  wie man dem Trend zu  schwächelnden Adverbien und Partizipien mit starken Verben begegnet und zu einem prägnanteren Stil kommt.

Illu-kein-nd-sein(13.6.2015) Heute mal wieder was Stilistisches. Regelmäßige Leser dieses Blogs wissen, dass ich starke Verben verfechte. Also ein Verfechter derselben bin, wie man üblicherweise sagen würde, dieses aber lieber verbalisiere, also in Verben stecke, wann immer es geht. Weil es den Satz als solchen kräftigt und damit die Aussage stärkt. Womit wir schon beim Thema wären.

Es ist nämlich bedauerlicherweise so, dass der Trend in die entgegengesetzte Richtung geht. Medien und die dadurch beeinflusste Öffentlichkeit nutzen, wie mir mein fein tariertes Barometer im Bauch meldet, zunehmend Adverben (Adjektive, die mit Verben stehen) mit sein statt einem starken Verb. Zu abstrakt? Finde ich auch. Lassen Sie mich ein Beispiel geben. Häufig finden wir Formulierungen wie diese:

Beispiele:

Ich bin allein erziehend oder ich bin arbeitssuchend.

So zu sprechen hat sich allgemein eingebürgert. Aber ist es auch wirklich gut und sinnvoll, von der Ästhetik ganz zu schweigen? Jetzt stellen Sie sich folgende Formulierung vor:

Ich erziehe allein oder ich suche Arbeit.

Wieviel mehr Kraft, wieviel mehr Klarheit. Von der Schönheit ganz zu schweigen, denn die Unbeholfenheit des ersten Beispiels ist einem geraden, klaren Satz gewichen. Ein paar typische Beispiele mehr, die mir in den letzten Tagen, als ich Material für diesen Beitrag suchte, unterkamen:

Das ist nicht ausreichend – das reicht nicht aus.

Das ist viel versprechend – das verspricht viel.

Oder hier eins, das ich neulich in einem Manuskript fand, das ich lektorierte:

Ihre Wangen waren so leuchtend rot, dass sie mich an kandierte Äpfel erinnerten.

Daraus könnte man machen:

Ihre Wangen leuchteten so rot, dass sie mich an kandierte Äpfel erinnerten.

Und gewinnt Stärke. Oder dies, aus einer Webseite, die ich textete:

Für mich sind die sehr interessanten und fordernden Projekte ausschlaggebend.

Wie wäre es mit?

Für mich geben die sehr interessanten und fordernden Projekte den Ausschlag.

An einer anderen Stelle hieß es:

Kühlung ist lebensrettend

Warum nicht sagen:

Kühlung rettet Leben.

Aus einem US-Film (Szene am nächsten Morgen):

Du bist ja doch ganz gut aussehend.

vs.

Du siehst ja doch ganz gut aus.

Das Adverb ist in diesem Fall speziell, nämlich ein Partizip Präsenz, zu erkennen an der Endung -nd. Warum nicht lieber das Verb aus dem Partizip ziehen und zur Hauptsache machen? Dann wird der Inhalt viel klarer. Am letzten Beispiel sehen wir einen Teil-Einfluss – der Zwang zur Übereinstimmung der Lippen bei Synchronisation mit einem englischen Original. Gutaussehend ist good looking ähnlich, wenn man es spricht.

Dass dies haarsträubend wäre, wäre übertrieben zu sagen. Ich wäre ohnehin für diese Form: Mir sträuben sich die Haare. Aber nur bei sein empfiehlt sich die Umstellung. Wenn das Verb stärker wird, wird der Effekt der Umstellung schwächer. Beispiel mit dem Verb aussehen:

Er sah furchteinflößend aus.

Sein Aussehen flößte mir Furcht ein.

Hier erkauft man sich den Vorteil des stärkeren Verbs (bewegen kommt vor wahrnehmen) mit dem Nachteil einer Substantivierung (das Aussehen). Zugegeben, es handelt sich um eine stilistische Kleinigkeit, aber merken Sie den Unterschied: Wie viel kräftiger das Verb im Vergleich zum Partizip mit sein ist? Sein ist eben ein schwaches Verb.

Ich texte gern so präzise und knapp wie möglich. Dafür braucht man gedrängte, starke Formulierungen. Mein Tipp: Nutzen Sie die starken Verben, wann immer Sie können. Meine Aufraggeber schätzen diese Praxis stets. Angenehmer Nebeneffekt: Sie können sich stilistisch von anderen Autoren abheben und kommen zu einer eigenen, prägnanten Ausdrucksweise.

Zwischenformen:

Kann man in allen Fällen -nd-Formen in Verben umwandeln? Ich fürchte nicht und empfehle eine kurze Prüfung im Einzelfall, was aber nicht viel Zeit und Aufwand bedeutet. Auch dazu einige Bespiele:

hervorragend vs. etwas ragt hervor

weltbewegend vs. etwas bewegt die Welt

freudestrahlend vs. vor Freude strahlen

bahnbrechend vs. etwas bricht sich Bahn

Die -nd-form hat hier vorwiegend adjektivischen Charakter, aber noch kann man das Verb herausziehen.

Gegenanzeigen:

Ich habe auch ein paar -nd-Formen gefunden, bei denen diese Methode nicht funktioniert. Der Grund dürfte darin liegen, dass sie zu selbständigen Adjektiven geworden sind und den Partizipien-Charakter verloren haben. Beispiele:

Alleinstehend, hochtrabend und wohlwollend (auch -meinend, -schmeckend oder -klingend)  – dass jemand allein steht, hoch trabt oder jemand jemandem wohl will, ist schon recht selten geworden. Es muss als exotisch, altmodisch und ungebräuchlich gelten. Bei Letzterem spräche man heute wohl davon, jemandem etwas Gutes zu tun. Trotzdem: Die kurze Prüfung lohnt, wenn Sie im Begriff sind, einen Satz mit sein zu schreiben.

Ein ähnliches, ebenso grassierendes Phänomen ist die Verlaufsform Ich bin am Arbeiten.

4 Responses to Alleinerziehend? Arbeitssuchend? Hier gibt’s Hilfe.
  1. […] häufig das Phänomen der schwachen -nd-Formen bereits verwendet wird, habe ich in einem früheren Beitrag an weiteren Beispielen dokumentiert und […]

  2. Ich bin das erste Mal auf dieser Seite und bin ob der vielen Erklärungen der sprachlichen Feinheiten sehr erbaut 🙂
    [Jetzt kann sich jemand darüber auslassen, ob das Emoticon angebracht oder fehl am Platz ist. ;)] Und ich habe viel mehr Zeit hier verbracht als ich eigentlich wollte. Und schreibe dann auch noch einen Kommentar, obwohl mir das eigentlich zuwider ist (nicht, dass ich ungern meinen Senf – v.a. auch ungebeten – dazugebe, mehr aufgrund der erforderlichen Dateneingabe).

    Was will ich nin anmerken? Nun, so viel sprachliche Feinheit (v.a. schriftliche wie hier) lebt auch von richtiger Orthographie (mit f?) und Kommasetzung. Zu letzterer kein Kommentar, da sind mir die vielen neuen Regeln und Kann-Bestimmungen zu undurchsichtig. Ich meine da keine offensichtlichen und “wirklichen” Schreibfehler wie ein Buchstabendreher oder ein klein geschriebenes Substantiv.

    Aber ein gleich zweifach falscher Gebrauch von “das” statt “dass” in diesem Artikel treibt mir leider die Tränen in die Augen:
    DAS dies haarsträubend wäre …
    Alleinstehend, hochtrabend und wohlwollend (auch -meinend, -schmeckend oder -klingend) – DAS jemand allein steht …

    Auch wenn dieser Kommentar gegebenenfalls als unpassend eingestuft werden sollte, das musste jetzt einfach mal sein …

    Ralf

    PS: Wenn mir jetzt jemand antwortet, dass es sich bei einer Das-Dass-Verwechslung um keinen Rechtschreibfehler handelt, sondern um XXX, dann hat er/sie sicher Recht! Ich bin Informatiker, kein Germanist und habe die Schule schon so lange hinter mir, dass ich mich an XXX nicht mehr erinnere :-)))

  3. Hallo Ralf, vielen Dank für diesen konstruktiven und zugleich inspirierenden Kommentar. Ich würde mir – nicht nur hier, sondern ganz allgemein – mehr so aufmerksame Leser und grammatiksichere Informatiker wünschen. 😉

    Die beiden Patzer sind tatsächlich nur damit zu erklären, dass Alleinarbeit blind macht. Eine unabhängige Schlusskorrektur wäre wünschenswert.

    Trotzdem freue ich mich, dass Fragen von Stil und Ausdruck auch andere beschäftigen – so jedenfalls habe ich Ihren Beitrag interpretiert.

  4. Hallo Kai,
    aber immer gerne doch 🙂 Und schön, dass ich offenbar den richtigen Ton fand, so dass du meine Kritik annehmen konntest 😉

    Und ja, das Thema Stil&Ausdruck treibt mich (etwas) um, auch wenn ich als Schwabe kein Hochdeutsch kann … 🙂 :-):-)

    Ich will auch nicht das Ende des Abendlandes heraufbeschwören, dennoch scheint mir das Thema Rechtschreibung, Stil, Ausdruck immer mehr in den Hintergrund zu rücken – nicht nur in den Hunderten von täglichen Mails (wo es ja vielleicht noch ansatzweise tolerierbar wäre) und im Netz, sondern auch und v.a. in den sogenannten “seriösen” Medien DIE ZEIT oder FAZ sind teilweise haarsträubende Fehler zu finden. Selbst Rechtschreibfehler, bei denen man doch immer denkt, dass deren beseitigung entsprechende Korrekturprogramme übernehmen … (z.B. so wie bei mir oben das “nin” statt “nun” :-()

    Viele Grüße
    Ralf
    PS: Leider werde ich jetzt öfter hier vorbeischauen und noch mehr Zeit im Netz verdaddeln …


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