Warum sich starke Verben gegenüber schwachen empfehlen – und es trotzdem oft andersherum gemacht wird.

Tagesschau-Sprecherin Rakers: „. . .steht im Verdacht, Krebs zu erregen.“ (Screenshot)

Tagesschau-Sprecherin Rakers: „. . .steht im Verdacht, Krebs zu erregen.“ (Bildschirmfoto)

Donnerstag Abend ein Freudenmoment im Haus. Sprecherin Judith Rakers liest in der Tagesschau im Zusammenhang mit dem umstrittenen Pflanzenschutzmittel Glyphosat den Halbsatz vor, die Chemikalie stehe im Verdacht, Krebs zu erregen. Falls Ihnen daran nichts auffällt: Sie hätte auch lesen können, krebserregend zu sein. Das wäre die deutlich häufigere Formulierung gewesen. Aber auch die schwächere. Warum? Weil das Verb den Satz trägt, es ist sein Rückgrat. In dieser Kategorie schlägt erregen das passive sein um Längen.

(Dies abgesehen von der ästhetischen Frage, dass die -nd-Form (Partizip Präsens, wie der Fachmann spricht) alles andere als schön ist. Denken Sie hier an die brillante Unbeholfenheit einer Formulierung wie der zu Fuß Gehende, der seit 2013 statt des Fußgängers in der Straßenverkehrsordnung sein Unwesen treibt.)

Trotzdem sind die starken Verben im aktuellen Sprachgebrauch geschwächt, denn das sein greift um sich. Ein paar Beispiele, von denen ich sicher bin, dass Sie sie auch schon benutzt haben, ohne weiter darüber nachzudenken (ich auch).

formatfüllend – füllt das Format
alleinerziehend – erzieht allein
kraftraubend – raubt Kraft
zielführend – führt zum Ziel

Entlarvende Kraft

Mag sein, dass eine Formulierung wie „füllt das Format“ ungebräuchlich klingt; andererseits zeigt „es führt zum Ziel“, wie sehr wir uns in Phrasen ausdrücken. „Die Diskussion führt nicht zum Ziel“ entlarvt die autoritative Dümmlichkeit und distanzierte Kühle der Aussage „Die Diskussion ist nicht zielführend“. Dann doch lieber „So kommen wir nicht nicht weiter.“ Denn dies will hoffentlich Ziel von Kommunikation sein: Sich möglichst sinnvoll und inhaltsstark auszudrücken. Und eine Prise Eleganz schadet, gerade bei den Schreibern, auch nicht.

Selbst bei Worten, die schon stark adjektivischen Charakter erworben haben, lohnt sich, sie in ihre Bestandteile zu zerlegen, um die eigentliche Kraft in ihnen hervorzubringen. Wenn man z.B. „das ist naheliegend“  in „das liegt nahe“ umformt, zeigt sich eine gewisse Dynamik, die dem Naheliegenden innewohnt. Daher mein Rat für alle Sprecher und Schreiber, Sätze um möglichst starke Verben zu bauen.

Wie häufig das Phänomen der schwachen -nd-Formen bereits verwendet wird, habe ich in einem früheren Beitrag an weiteren Beispielen dokumentiert und erklärt.

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