Studierende haben sich im Sprachgebrauch festgesetzt, nd-Formen wie Mitarbeitende und Arbeitende kommen gerade. Für den Texter stellt sich die Frage, wie man mit den Partizipien elegant umgeht. Beispiele und Tipps.

nd setzt sich durch

nd-Form (auf ntv): Wo bleiben die Beschäftigten? (Bildschirmfoto)

(28.9.2018, Aktualisierung 23.2.2019) Vorbemerkung: Man ist ein schlechter Witzeerzähler, wenn man die Pointe erklären muss. Nichtsdestoweniger habe ich seit Veröffentlichung dieses Beitrages gehört, dass die Überschrift sich offenbar nicht erschließt. Die Lösung läge nahe, dachte ich: Wie bei FX (= Effects) oder INXS (= In Excess), aus dem Englischen bekannt, sollte sich ein Wort ergeben, wenn Sie die Buchstaben sprechen. Und in diesem Fall dann eine Doppeldeutigkeit: nd = Ende. 😉

Womit wir beim Beitrag wären:

Gut, die Überschrift dieses Eintrags ist übertrieben. Das Ende ist hoffentlich noch fern. Doch das -nd ist da und breitet sich aus. Gemeint ist die Endung für das Partizip Präsens aktiv, die eigentlich Verben vorbehalten ist, zunehmend aber auch für Substantivierung herhalten muss.

Man möchte Weitschweifigkeit vermeiden und aus politischer Korrektheit das eigentliche Substantiv nicht mehr verwenden. Sie fragen sich, wovon ich rede? Naja, zum Beispiel vom Studierenden als Ersatz für den Studenten. Damit hat man sich wohl oder übel arrangiert, aber der folgende aktuelle Fall ist von schönem Texten weit entfernt und ganz und gar unnötig.

nd: Arbeitende auf ntv

Eine Überschrift, die ich heute auf der ntv-Webseite fand, lautete:

Prekäre Beschäftigung

Immer mehr Arbeitende erhalten Hartz IV.

Die naheliegende Lösung wäre gewesen:

Immer mehr Beschäftigte erhalten Hartz IV.

Warum hat sich der Texter dagegen entschieden? Wohl weil er erkannte, dass er die Beschäftigung bereits in der Vorzeile verwendet hatte und eine Doublette vermeiden wollte. Dann also die Arbeitenden als Synonym, weil Arbeitnehmer sich inzwischen verbieten – wegen der bösen, vermeintlich nur Männer bezeichnenden Endung auf -er.

Dabei lag die Lösung direkt vor ihm – dem Texter, der Mann oder Frau sein kann:

Prekäre Arbeit

Immer mehr Beschäftigte erhalten Hartz IV.

Wer an Kürze und Dichte interessiert ist, hätte texten können:

Immer mehr Aufstocker.

Dann allerdings muss der Leser wissen, was ein Aufstocker ist, sich also grundsätzlich in der Hartz-IV-Welt auskennen. Das heißt, hier liegt die Verständnisschwelle höher. Die Höhe ist aus meiner Sicht vertretbar.

nd: Lesende der Wikipedia

Apropos Leser: Neulich, am 11.9., wurde auf der Wikipedia ein Pop-up zum neuen Urheberrecht eingeblendet, leider ohne dass ich ein Bildschirmfoto gemacht hätte. Dafür fand ich auf PC-Tipp einen Link. Der Aufruf begann so:

An all unsere Lesenden in der EU

Ich möchte selbstredend niemanden diskriminieren, denn das schickt sich nicht. Aber: Diese Formulierung klingt so holprig, dass ich sie keinem Texter empfehlen kann. Zu befürchten ist auch, dass niemand außerhalb der Social-Media-Blase derartige Formulierungen verwendet.

Schließlich schränkt die Form ein. Sie erweckt den Eindruck, als gebe es Nutzer (Nutzende?), die die Wikipedia lesen, während andere, nur beispielsweise, sie hören oder betasten. So als wären die Lesenden nur eine Teilmenge. Das ist bei Lesern nicht der Fall. Wenn sie lieber politisch als logisch korrekt sein wollen, liegen Sie mit Lesern und Leserinnen besser, auch wenn es länger läuft.

nd: Mitarbeitende der Bahn

(Aktualisierung 23.2.2019) Vergangene Woche besuchte ich Hamburg. Dort las ich auf einem Schild für die Zugabfertigung am  Hauptbahnhof:

Zutritt nur für Mitarbeitende

Leider hatte ich mein Telefon nicht dabei, anderenfalls hätte ich dieses Dokument im Bild festgehalten. So bleibt es bei der Behauptung, aber seien Sie versichert, dass ich weder halluziniere noch flunkere.

Diese ungelenkte Form hätte sehr leicht vermieden werden können.

Zutritt nur für Personal

Personal gehört wie Mensch, Person oder auch Mitglied zu den Substantiven, die kein bestimmtes natürliches Geschlecht bezeichnen. Allerdings ist der Mensch in seiner mangelnden Präzision für Nachrichten ungeeigneter. Denn in aller Regel haben Menschen darin eine genauer zu bezeichnende Funktion, z.B. als Zuschauer, Zeuge, Arbeitslose etc. pp. Dazu finden Sie hier mehr.

nd: Gebührenzahlende beim Rundfunkbeitrag

Ebenfalls in der vergangenen Woche ging das sog. Framing Manual der ARD durch die Presse; ich nehme an, davon haben Sie gehört. Falls nicht, können Sie das Dokument im Wortlaut nachlesen. Um die Veröffentlichung hat sich hier verdient gemacht, und in der Anmoderation finden Sie die

Beitragszahlenden.

Tja, hier wird es eng, eine Alternative kann ich nicht empfehlen. Aber ich wollte in erster Linie dokumentieren, was nach Jahren nun auf breiter Front medial den Durchbruch schafft. Tatsächlich habe auf meiner Festplatte einen Leitfaden der Uni Köln aus dem Jahr 2013 gefunden, der sich unter dem Titel „ÜberzeuGENDERe Sprache“ mit der Frage der geschlechtsneutralen Sprache beschäftigt.

Es wird nicht der erste und erst recht nicht einzige Leitfaden gewesen sein, aber wir können ihn als Grundlage für eine wenigstens grobe Schätzung der Diffusionszeit verwenden. Fünf Jahre vergingen also, bis die geschlechtsneutralen Partizpien und Ersatzformen aus den akademischen Elfenbeintürmen im Volksmund angekommen sind. Naja, dort sind sie ja immer noch nicht. Aber es wird nahegelegt, sie zu verwenden, wenn man nicht als, nun ja, vorgestrig, engstirnig, frauenfeindlich oder Schlimmeres gelten will.

Einen schönen Überblick über Fragen zum Gendern habe ich hier gefunden.

Mehr zur -nd-Form.

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