Studierende haben sich im Sprachgebrauch durchgesetzt, aber um Varianten wie Arbeitende kommt der versierte Texter herum. Ein Fallbeispiel.

nd setzt sich durch

nd-Form (auf ntv): Wo bleiben die Arbeitnehmer? (Bildschirmfoto)

Gut, die Überschrift dieses Eintrags ist übertrieben. Das Ende ist hoffentlich noch fern. Doch das -nd ist da und breitet sich aus. Gemeint ist die Endung für das Partizip Präsens aktiv, die eigentlich Verben vorbehalten ist, zunehmend aber auch für Substantivierung herhalten muss.

Man möchte Weitschweifigkeit vermeiden und aus politischer Korrektheit das eigentliche Substantiv nicht mehr verwenden. Sie fragen sich, wovon ich rede? Naja, zum Beispiel vom Studierenden als Ersatz für den Studenten. Damit hat man sich wohl oder übel arrangiert, aber der folgende aktuelle Fall ist von schönem Texten weit entfernt und ganz und gar unnötig.

nd: Arbeitende auf ntv

Eine Überschrift, die ich heute auf der ntv-Webseite fand, lautete:

Prekäre Beschäftigung

Immer mehr Arbeitende erhalten Hartz IV.

Die naheliegende Lösung wäre gewesen:

Immer mehr Beschäftigte erhalten Hartz IV.

Warum hat sich der Texter dagegen entschieden? Wohl weil er erkannte, dass er die Beschäftigung bereits in der Vorzeile verwendet hatte und eine Doublette vermeiden wollte. Dann also die Arbeitenden als Synonym, weil Arbeitnehmer sich inzwischen verbieten – wegen der bösen, vermeintlich nur Männer bezeichnenden Endung auf -er.

Dabei lag die Lösung direkt vor ihm – dem Texter, der Mann oder Frau sein kann:

Prekäre Arbeit

Immer mehr Beschäftigte erhalten Hartz IV.

Wer an Kürze interessiert ist, hätte texten können:

Immer mehr Aufstocker.

Dann allerdings muss der Leser wissen, was ein Aufstocker ist, sich also grundsätzlich in der Hartz-IV-Welt auskennen. Das heißt, hier liegt die Verständnisschwelle etwas höher. Die Höhe ist aus meiner Sicht vertretbar.

nd: Lesende der Wikipedia

Apropos Leser: Neulich, am 11.9., wurde auf der Wikipedia ein Pop-up zum neuen Urheberrecht eingeblendet, leider ohne dass ich ein Bildschirmfoto gemacht hätte. Dafür fand ich auf PC-Tipp einen Link. Der Aufruf begann so:

An all unsere Lesenden in der EU

Ich möchte selbstredend niemand diskriminieren, denn das schickt sich nicht. Aber: Diese Formulierung klingt so holprig, dass ich sie keinem professionellen Texter empfehlen kann. Zu befürchten ist auch, dass niemand außerhalb der Social-Media-Blase derartige Formulierungen ernst nimmt.

Schließlich schränkt die Form ein. Es scheint, als gebe es Nutzer (oh nein, schon wieder!), die die Wikipedia lesen, während andere, nur beispielsweise, sie hören oder betasten. So als wären die Lesenden nur eine Teilmenge. Das ist bei Lesern nicht der Fall. Wenn sie lieber politisch als logisch korrekt sein wollen, liegen Sie mit Lesern und Leserinnen besser.

Mehr zur -nd-Form.

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