Eine veraltete Nebenbedeutung des Verbs adressieren erfährt eine Renaissance: Medien, Politik und Management verwenden es verstärkt als modischen Ersatz für ansprechen, richten oder behandeln.

(20.8.2011) Als neulich Heiner Geißler im Zusammenhang mit Stuttgart 21 mit der Frage „Wollt ihr den totalen Krieg?“ provozierte, klagte tags drauf die Süddeutsche Zeitung:

„Niemand herrschte ihn an, so lasse man sich nicht adressieren.“

Allerhöchste Zeit, dies Thema zu adressieren, äh, anzusprechen – nein, nicht ob es schicklich ist, die Goebbels-Phrase zu verwenden, sondern, viel wichtiger, den interessanten Gebrauch des Verbs adressieren. Außer in den Medien ist es vorwiegend im Management und in der Politik schick geworden,  etwas zu adressieren, wenn eigentlich etwas behandelt werden soll.

Die Quelle könnte im Englischen sprudeln. Denn hier kann man mehr adressieren als nur Briefe und Pakete, nämlich auch Probleme oder Bitten, Fragen und Aufforderungen. Die Grundlage für eine übertragene Bedeutung ist vom Bild her auch auf Deutsch vorhanden, denn beim Adressieren kann man nicht nur einen Umschlag, sondern auch ganz allgemein etwas an jemanden richten, Worte etwa, oder auf etwas, wie Aufmerksamkeit.

Nur ist es im Deutschen unüblich, so zu formulieren, es sei denn, man imitiert gern denglisch, fühlt sich pseudo-hip oder kennt die veraltete Nebenbedeutung. Lt. Duden kann man sich tatsächlich an jemanden wenden, wenn man adressieren sagt, oder jemanden gezielt ansprechen (nicht aber etwas).

Wie Sie das zukünftig adressieren, bleibt Ihnen überlassen, aber Sie können es jetzt anders angehen!

One Response to Neu: Menschen, Themen und Worte adressieren
  1. […] und wünschenswert hält, allein schon, weil sie daran gewöhnt ist. Jüngere Leser unter 30 adressieren Sie also mit Lesende, weil sie damit sozialisiert sind und diese Ansprache wahrscheinlich so […]


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