Der Bezug bei Relativpronomen geht flöten – und keiner weiß, warum. Beispiele und ein Erklärungsversuch.
Relativpronomen-Bezug

Geiger-Roman „Drachenwand“: Welches Relativpronomen hätten Sie gern? (© Hanser-Verlag)

Heute geht‘s um Relativpronomen – Sie wissen schon, diese einsilbigen Wörter wie der, die oder das, die einen Nebensatz einleiten. Normalerweise ein klarer Fall: Kai, der dieses Blog betreibt, schreibt gerade einen Beitrag. Aus diesem einfachen Beispiel können wir ableiten, dass sich das Relativpronomen („der“) immer auf das Subjekt des Hauptsatzes („Kai“) bezieht.

In jüngster Zeit ergeben sich dabei aber interessante Probleme, die in ihrer Häufung einen Trend erkennen lassen und daher Anlass für den heuten Blog-Eintrag sind. (Vielleicht sollte ich statt von Problemen von alternativen Bezügen sprechen.) Darauf weist mich eine Leserin hin. Nämlich dann, wenn das Hauptwort Teil einer größeren Konstruktion ist, die dem flüchtigen Schreiber und Leser Singular vorgaukelt, wenn es sich um Plural handelt (und umgekehrt). In der aktuellen Vorschau von Hanser Berlin wird der Literaturkritiker Denis Scheck mit den Worten zitiert:
„Eines der aufwühlendsten Bücher, das ich je gelesen habe.“
Was ist das Subjekt? Eines? Dann wäre das richtig. Muss es nicht aber Bücher sein? Das ergäbe inhaltlich-logisch Sinn, denn es gibt ja offensichtlich mehrere aufwühlende Bücher, und nicht nur eins. Demnach müsste es heißen:
„Eines der aufwühlendsten Bücher, die ich je gelesen habe.“
Kein Einzelfall. Ein anderer Verlag,  S. Fischer, wirbt ebenfalls in der neuen Vorschau mit dem Zitat des Übersetzers André Munot:
„… eines der schönsten Bücher, das ich in letzter Zeit übersetzen durfte.“
 
Wie im vorigen Fall: Bücher ist Plural, also „die ich übersetzen durfte.“

Relativpronomen: Einzahl oder Mehrzahl?

Relativpronomen Bezug

Eine oder mehrere – das oder die Mädchen?

Der Text ist ein Auszug aus Arno Geigers neuem Buch „Unter der Drachenwand“ (S. 320).

Dieser Verstoß gegen Logik und Grammatik ist also nicht mehr nur in einer Vorschau oder mündlicher Rede zu finden, sondern in einem Buch selbst, was die Überlebenschancen dieses Lapsus beträchtlich erhöhen dürfte.  Offenbar haben Autor, Lektor und Korrekturleser in einem renommierten Verlag wie Hanser ihn nicht bemerkt oder darüber hinweggesehen, was nur den Schluss zulässt, dass sich in der Sprache oder im Sprachempfinden etwas verändert hat.

Relativpronomen – eine Vermutung

Oder sie schlafen oder sind unkonzentriert: Das digitale Durcheinander und die allgemeine Hast, die wiederum aus einem Zuviel an Kommunikation gespeist wird, tragen vermutlich dazu bei. Auch ein Lektor, Übersetzer, selbst der Autor haben E-Mail. SMS, What’s App, twittern, facebooken, googeln. Wenn ich eins sagen kann, dann, dass permanente Störungen und Unterbrechungen zu Lasten der Konzentration gehen – und auch den klaren Blick auf Bezüge vernebeln. Multitasking wirkt sich in der Regel negativ auf die Qualitätssicherung aus. (Und nein, früher war nicht alles besser. Tatsache ist allerdings, dass das Grundrauschen sich nur schwer ignorieren lässt, streut und die Fehlerquote erhöht).

Daneben glaube ich, dass wir infolgedessen stärker auf die Satzanfänge und auch die Anfänge von Konstruktionen achten, weswegen man in einer Konstruktion wie „eines der Mädchen, die“ eben auf „eines“ statt „Mädchen“ achtet – und schon haben Sie „eines der Mädchen, das“. Dies passt auch zum First things first-Gedanken, der einem ja auch für die SEO eingebimst wird.
Über Relativpronomen gibt es in einem der ersten Beiträge noch mehr.

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