Bei Übersetzungen aus dem Englischen hält sich zuverlässig die Methode des ähnlich klingenden Wortes. Diesmal: degrading – degradierend.

degradieren-Spiegel-Online-Oktober-2016

So verliert man seinen Rang: Übersetzungsversuch auf Spiegel Online (Bildschirmfoto)

(6.10.2016) Auf Spiegel Online gab es die Woche einen Test aus der Abteilung „Hätten Sie’s gewusst?“. Es war der Eingangstest für Volontäre, angehende Journalisten also, an der „Henri-Nannen-Schule“, dem Ausbildungsinstitut des Verlages Gruner + Jahr, und der Subtext war: „In der (Online-)Presse arbeitet hochqualifiziertes Personal.“ So weit, so gut, wenn auch anrüchig. Ich begrüße Qualitätssicherung wo immer möglich.

Nur dass dieser Test (und später auch die Ausbildung) offenbar keine Stilsicherheit in Fragen der Übersetzung aus dem Englischen enthält. Heute morgen las ich im Intro zu einer Meldung über den US-Präsidentschaftskandidaten Donald Trump, er habe sich „degradierend“ über Frauen geäußert – s. Bild. Ich habe mich gefragt: Was bitte sind „degradierende Bemerkungen“?

Natürlich versteht man die Botschaft – irgendwie. Doch so sagt man das im Deutschen nicht, und das muss einem versierten Schreiber auffallen. Probe: Im Original, einem Tweet von Jeb Bush, hieß es „degrading“, und wieder einmal wurde wörtlich übersetzt; wörtlich in dem Sinn, dass ein ähnlich lautendes deutsches Wort eingesetzt wurde, statt nach dem Sinn zu suchen.

Sind Frauen denn Soldaten?

„Degradieren“ gibt es im Deutschen durchaus, aber es wird im militärischen Kontext benutzt, z.B. wenn ein Soldat seinen Rang verliert. Welcher Art könnten die Aussagen wohl gewesen sein, wenn es sich um Frauen handelt? „Herabwürdigend“ vielleicht, oder „herabsetzend“? Dies bietet jedenfalls der Duden gleich in Bedeutung 1b an. Wie wäre „entwürdigend“? Der Lauftext selbst bietet „vulgär“ an. Warum nicht, das zielt mehr auf den Inhalt ab. Dafür spricht, dass Amerikaner in der Presse Meister der freundlichen Verschleierung sind. Wenn da also „degrading“ stand, ist es im Originalwortlaut wahrscheinlich ziemlich deftig gewesen. Ich habe mich gewundert, dass das allgegenwärtige „sexistisch“ nicht verwendet wurde. Zum Glück: Es wäre zu ungenau gewesen.

Solche stilistischen Schwächen finden sich auf SpOn öfter. Hier der letzte misslungene Übersetzungsversuch.

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