Aus DNS ist DNA geworden: Schreibweisen- und Zeitenwechsel in der Wissenschaftsberichterstattung – mit einer überraschenden Begründung.

DNA statt DNS

DNS und Dinosaurier – beide sind ausgestorben

(23.3.2012, Aktualisierung 23.6.2018) Der Biounterricht ist lange her, aber eines der Kapitel, an das ich mich erinnere, enthält Illustrationen gedrehter Stränge mit kugeligen Verdickungen dran, XX und XY, symbolisierte Moleküle, den Quell des Lebens, die Hüterin des Erbguts: die Desoxyribonukleinsäure, kurz: DNS.

Unlängst verkündete die Süddeutsche Zeitung, bei ihr sei die DNS ausgestorben. Die englische Form DNA sei allgemeiner Brauch geworden, man werde sie von Stund an übernehmen. Im Übrigen wolle man auch nicht ständig die Meldungen umschreiben.

Während ich den letzten Teil der Begründung zweifelhaft finde, weil die in vielen Programmen, darunter QuarkXpress und InDesign, implementierte nützliche Funktion „Suchen & Ersetzen“ solche Probleme rasch und zuverlässig löst, halten wir fest: Ein weiteres Wort hat dem internationalen Evolutionsdruck nicht standgehalten.

Also: Keine Säure mehr, sondern Acid. Wiedersehen Säure, für dich ätzt jetzt jemand anders: Acid, das es als Szenejargon für LSD und als Musikstil für, äh, computererzeugte Tanzmusik schon im Duden gibt. Der hat übrigens die DNA still vereinnahmt: DNA-Sequenz, -Test, -Register – alles da. DNS gibt es als Eintrag, doch die Komposita schon nicht mehr.

DNS statt DNA in Jurassic Park

Aktualisierung: Anfang Juni lief „Jurassic Park: Das gefallene Königreich“ in Deutschland an. Sie wissen schon, das aufwendig digital animierte Dinosaurier-Spektaktel, bei dem die possierlichen Tierchen aus längst vergangenen Zeiten Angst und Schrecken in der Gegenwart verbreiten, indem sie mit Erwartungen und Plänen ihrer Schöpfer brechen, weil die Natur ihre eigenen Pläne hat.

Auch ich plane den Film noch zu sehen, weil ich diese moderne Variante des „Zauberlehrlings“ gedanklich interessant finde: Der Mensch spielt mit der Schöpfung und macht dabei die Rechnung ohne die Geschöpfe, die er zum Leben erweckt hat, und die Kräfte, der er entfesselt hat.

Zur Einstimmung habe ich vor einigen Tagen noch einmal den ersten Teil „Jurassic Park“ gesehen, der 1993 in die Kinos kam. Ich dachte zunächst, ich höre nicht richtig, doch es stimmte: In den Dialogen sprachen die Schauspieler noch ganz unbefangen von DNS, um den Zuschauern zu erklären, wie es möglich war, die Dinos wieder zum Leben zu erwecken.

Still freue ich mich, wenn es mir gelingt, Veränderungen im Sprachgebrauch dingfest zu machen. 19 Jahre später, im März 2012, rafft es die DNS dahin – zumindest in der Süddeutschen. Im Wikipedia-Eintrag zu Jurassic Park ist auch von DNA die Rede. Dies ganz ohne Not, denn der zentrale Eintrag, auf den im Beitrag verlinkt wird,  lautet Desoxyribonukleinsäure, mit dem Zusatz „kurz: DNS, engl. DNA“. Wenn man tief genug gräbt, findet man die Spuren in der Erde noch.

Kleiner Trost: DNS hat als Abkürzung für Domain Name System eine neue Bedeutung erhalten. Pferdefuß: Es ist ein englischer Begriff, auf deutsch bleibt das Kürzel ausgestorben.

Und damit zur Fußball-WM: Freundschaftsspiele sind auch ausgestorben.

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