Die Vorgänge in Chemnitz lösten eine Sprachdebatte aus, die Bewertung der Ausschreitungen veranlasste Regierungsmitglieder zur Wiederbelebung einer DDR-Vokabel: Der Zusammenrottung.

„Sprachverrohung“: Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung (Bildschirmfoto)

In dieser Woche geschah etwas Ungewöhnliches, für den Betreiber eines Blogs über Sprachgebrauch in Medien Schönes, auch wenn der Vorgang selbst unschön ist: Es gab eine öffentliche Debatte über Sprache in der Politik, z.B. im Mediendienst Meedia aber auch in diesem Blog des MDR, das weitere Stimmen sammelt. (Wie sehr das Thema die Öffentlichkeit bewegt, sieht man auch an der lebhaften Debatte unter dem Meedia-Beitrag.)

Was ist geschehen? Seit längerem schon wird bei Twitter, einer „Zusammenrottung“ (© Regierungssprecher Seibert) von Politikern, Prominenten und Medienschaffenden,  öffentliche Meinungsbildung  betrieben. Das gelingt deswegen relativ einfach, weil dankbare Journalisten für ihre Artikel sog. O-Töne brauchen (gemeint sind Zitate), und Politiker sie dort nur zu gern veröffentlichen. Zum Teil waren Tweets sogar schon Nachrichtenquelle, etwa bei US-Präsident Trump, dem französischen Präsidenten Macron, dem italienischen Innenminister Salvini oder dem türkischen Präsidenten Erdogan. (Aus der Erinnerung an die letzten Monate heraus zusammengestellt.)

Emotio vor Ratio

Der Beitrag auf Meedia fasst gelungen zusammen, was ich auch schon länger beobachte und hier im Blog notiert habe: Die Simplifizierung und Verengung, das inflationäre Um-sich-Werfen mit Schlagwörtern, ohne deren Inhalt und Bedeutung zu bedenken. Meedia nutzt das Beispiel Staatsversagen, ich hatte das Beispiel von Hass und Hetze. Dazu die ins Infantile gehende Emotionalisierung der Debatte durch Betroffenheit signalisierende Adjektive („ekelhaft“, „widerwärtig“), wo eigentlich und idealerweise rational Argumente ausgetauscht werden sollten. In diesem Zusammenhang scheint mir besonders das Adjektiv „unerträglich“ hervorzustechen. Hier ein Beispiel mit Außenminister Maas. Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass dahinter der Versuch steckt, über Rhetorik eine moralische Hoheit herzustellen.

#Chemnitz auf Twitter

In dieser Woche nun wurden die Ausschreitungen in Chemnitz auf Twitter diskutiert resp. verurteilt. Bekanntlich arbeitet die Politik an einer Ächtung jeder Kritik, indem sie zugleich ein breites Bündnis aller gesellschaftlichen Gruppen herzustellen versucht, wie es im schönsten Deutsch vergangener totalitärer Systeme so herrlich sperrig heißt. Im Rahmen dessen sonderten  brillante führende Köpfe Widersprüchliches und Paradoxes ab, wie etwa, dass die Demokratie radikaler werden müsse.

Auch wenn das intellektuelle Niveau bedenklich war, habe ich mich trotzdem gefreut. Ich erwarte keine große Verbesserung, weil die bisherige Strategie der Ausgrenzung per Emotion erfolgreich funktioniert. Warum sollte man sie dann ändern? Aber immerhin hat ein Teil der Medienschaffenden mit der Selbstreflektion begonnen, wo bisher eitle Selbstvergewisserung vorherrschte. Das ist ein kleiner, erster Schritt.

Mit diesem Beitrag will ich auch nicht Twitter kritisieren. Es ist nur das Vehikel, das Individuen mit Leben füllen. Als Vehikel hat es allerdings Schwächen, über die ich hier gebloggt habe.

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