Höchste Weihen aus der Ferne: Die Süddeutsche Zeitung beklagt die nervig-sperrige Schreibung der letzten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts wie 1980er etc. Da fühle ich mich spät, aber doch schultergeklopft.

„Historiografische Autoimmunreaktion“ – Glosse in der SZ (Ausschnitt)

„Historiografische Autoimmunreaktion“ – Glosse in der SZ (Ausschnitt)

Als Blogger mit einem Nischenthema bewegt man sich mit seinen Auffassungen und  Veröffentlichungen am Rande der Wahrnehmung – ja, man könnte von Bedeutungslosigkeit sprechen. Ist das, was man sagt, richtig? Ist es anderen wichtig? Zwei Fragen, auf die es evidenzbasiert zwei unklare Antworten gibt: Vielleicht und wahrscheinlich nicht.

Zum Glück trifft das nicht immer zu. Manchmal fällt auch auf meinen bescheidenen Blog ein starker Sonnenstrahl, der die Tristesse des Alltags durchdringt und erhellt. So geschehen am Mittwoch, als sich die Süddeutsche Zeitung in ihrer Rubrik Phrasenmäher dem Phänomen der Überkorrektheit bei Jahreszahlen annimmt, die das letzte Jahrhundert markieren.

Was konkret damit gemeint ist? Es ist in den Medien üblich geworden, beispielsweise von den 1990er Jahren zu sprechen statt von den 90er Jahren, wie es vor der Jahrtausendwende üblich war. Die Begründung: Das Jahrhundert, nein sogar das Jahrtausend hat gewechselt, und damit reicht es nicht mehr, auf das Jahrzehnt Bezug zu nehmen. Vielmehr muss auch das richtige Jahrhundert muss genannt werden.

Wann war MTV: 1780, 1880 oder 1980?

Wie ich schon vor drei Jahren in einem  Blogbeitrag deutlich gemacht habe, ist das erstens hässlich, zweitens umständlich und drittens unnötig, da der Zusammenhang in aller Regel eindeutig ist. Vergleichsweise scharf ist im Phrasenmäher von einer „historiografischen Autoimmunreaktion“ die Rede, infolgedessen die Betroffenen eine „Wahnvorstellung entwickelt“ hätten, immer das Jahrhundert zu erwähnen, damit die Zeitangabe vollständig und seriös wirkt. Wahr gesprochen, und ganz in meinem Sinne.

Schön auch die Beispiele, von denen ich eins zitieren möchte:

„,Video Killed the Radio Star‘ war zu Beginn der 1980-er Jahre ein . . . Hit im frisch erfundenen Popmusik-Fernsehkanal MTV.“

Dass das nicht 1880 (und erst recht nicht 1780 oder früher) gewesen sein kann, ist so klar wie Kloßbrühe und bedarf keiner neunmalklugen Ergänzung durch die 19 vor der 80. So, und jetzt wieder ab in den Schatten der Bedeutungslosigkeit.

Hier geht’s noch einmal zum Originalbeitrag in diesem Blog aus dem Jahr 12. (Har!) Titel: Redundante Pedanterie.

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