Defensive Krisenstrategie: Im Verkauf befindliche Gurken

(28.5.2011) Heute hing im Lidl über den Salatgurken ein Hinweisschild. Schwarz auf gelb stand da gleich zweimal nebeneinander im gleißenden Licht der Neonröhren (s. Foto):

Bei den im Verkauf befindlichen Gurken handelt es sich um Ware holländischen Ursprungs!

Ach, diese Worte, die so gar nichts sagen: befindlich, getätigt, erfolgt. Es handelt sich um. Umständlich, gespreizt, bedeutungslos. Klingen aber so herrlich amtlich und wichtig. Tauchen daher zuverlässig im Zusammenhang mit Behörden, Verwaltungen oder ähnlich Offiziellem auf – also auch bei den EHEC-Gurken.

Charmant hingegen: Weil diese Worte kein Bild von irgendetwas erzeugen, wenn man auf sie stößt, weisen sie aus sich selbst heraus nach, dass sie nichts als heiße Luft und damit entbehrlich sind. Lasst uns Sprach-Ballaststoffe dieser Art streichen und klare Sätze schreiben – zumal dann, wenn man, wie Lidl, etwas verkaufen und nichts verwalten will:

Unsere Gurken stammen aus Holland!

Offensiver käme man so durch die Krise: Mit einem Verb, einem Adjektiv, das die Qualität der Ware betont, und einem nur, das die Brisanz aufnimmt.

Wir verkaufen nur beste Gurken aus Holland!

P.S. Versteht sich, dass die unverkauften Gurken nun entsorgt werden, wie in sich einer Sorge entledigen. Denn wer nimmt schon etwas aus dem Handel? Oder wirft etwas weg? Oder vernichtet gar etwas? Das wären Formulierungen, unter denen man sich etwas vorstellen könnte. Dafür haben wir doch die Euphemismen – um mit Worten zu verschleiern.

9 Responses to Herrlich amtlich: Heiße Luft über Gurken
  1. Hab ihr eigentlich keine anderen Probleme? Falls es euch noch nicht aufgefallen ist, ist die deutsche Sprache sowieso gerade dabei zu krepieren! Ihr musstet ja nur mal in der U-Bahn den ‘Mitreisenden’ zuhören und ihr könntet den ganzen Tag durchgehend Blog-Einträge, die mindestens so nutzlos wie dieser sind, schreiben. PS: Wenn ihr Schreib- oder Satzzeichenfehler in meinem Kommentar findet – Was macht ihr dann? – Nen Blog-Eintrag! (Das ist ne gute Idee!!!)

    • 1. Die Sichtweise ist mir zu fatalistisch. Von krepieren kann keine Rede sein, von Veränderung schon. Da ist Bewusstmachung der erste Schritt, und eben dafür gibt es (u.a.) diesen Blog.
      2. Ich schaffe keine Probleme, sondern biete Lösungen. ;-)
      3. An Sonntagen lassen sich herrlich Blog-Einträge schreiben. Wann, wenn nicht jetzt?
      4. In der U-Bahn kann man auch Lustiges belauschen.

  2. sehr schöne Antwort, Kai, weiter so.

    • 1. :-)
      2. ist 5.) Es geht um mehr als Kritik an diesem Schild. Die Frage ist: Welche Worte wähle ich, um durch die Gurkenkrise zu kommen?

  3. Birgitt Kollmann 30. Mai 2011 at 10:17 Antworten

    “This is a free country” – das gilt auch bei uns. Vielleicht hat es sich ja noch nicht überall herumgesprochen, aber man MUSS keine Sprachblogs lesen, wenn man sie blöd, überflüssig, elitär oder sonstwie findet. Es soll jedoch Leute geben, die so etwas mögen und auch wegen solcher Texte noch ein bisschen aufmerksamer durch die Welt gehen. Die sich sicher sind, dass ihre Sprache noch lange nicht “krepiert”, sondern im Gegenteil erstaunlich zäh und lebendig ist. Deshalb: Bitte mehr davon!

  4. Danke für diese grundsätzliche Verteidigung, der ich mich inhaltlich anschließe. Zur Freiheit gehört aber auch das Recht auf kritische Meinungsäußerung; der Verlauf einer Debatte zeigt dann, wie sich die Meinungen bilden. Mich freut, wenn das bessere Argument gewinnt.

    Davon abgesehen: Niemand hat die Absicht, aufzuhören. ;-)

  5. Abwarten und Tee trinken.

    • @ Kopfhörer:

      Medizinisch scheint das Schlimmste überstanden. Wie es textlich bei Lidl weitergeht, wird die Zukunft zeigen. ;-)


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