Vor 15 Jahren habe ich an dieser Stelle beschrieben, dass es in den Medien überall von „Menschen“ wimmelt. Wenige Monate später folgte ein Plädoyer für die Pronomen – und besonders für „jemand“ statt „Menschen“. Zeit nachzusehen, was daraus geworden ist.
Manche Sprachmoden verschwinden. Andere erweisen sich als hartnäckig.
Im Januar 2011 beklagte ich in diesem Blog unter der Überschrift „Und immer die Menschen: Die neue Gefühligkeit“, dass es in den Medien plötzlich überall von Menschen wimmelte. Aus Fahrgästen wurden Menschen, aus Reisenden Menschen, aus Demonstranten Menschen und aus Solaranlagenbesitzern „Menschen, die eine Solaranlage haben“.
Meine Kritik war damals wie heute einfach: Mensch ist nicht falsch. Aber einem so allgemeinen Wort fehlt häufig die Unterscheidungsfähigkeit. Fahrgast, Anwohner, Zuschauer, Opfer, Passagier oder Demonstrant sagen mehr. Sie beschreiben präzise die jeweilige Rolle oder Funktion.
Vier Monate später legte ich nach: „Pronomen für die Menschen!“ hieß mein Plädoyer für wer, wen, wem, diejenigen, alle – und insbesondere für ein kleines, ausgesprochen nützliches Wort: jemand.
15 Jahre später stelle ich fest: Ich könnte den Beitrag beinahe noch einmal veröffentlichen.
Niemand? Dann vielleicht jemand
In einer aktuellen Meldung über einen Brand heißt es beim Südwestfunk:
Zunächst war unklar, ob sich Menschen in dem Gebäude befinden.
Die Formulierung stammt von dpa und fand ihren Weg in zahlreiche Medien. In der ausführlicheren Fassung im SWR lesen wir wenig später, der Club sei geschlossen gewesen und es habe sich „niemand in dem Haus“ befunden.
Das ist hübsch. Denn wenn hinterher niemand im Haus war, hätte vorher durchaus jemand darin sein können:
Zunächst war unklar, ob sich jemand in dem Gebäude befand.
Kürzer, leichter, kein Informationsverlust. Und vor allem braucht jemand keine nähere Bestimmung. Das Wort bezeichnet schlicht eine unbestimmte Person – genau dafür haben wir Pronomen.
Menschen aus dem Englischen
Vielleicht gibt es noch eine weitere Quelle für die vielen Menschen: Übersetzungen aus dem Englischen.
In einer Meldung über mysteriöse Kanalisationskletterer in New York fand ich diesen Satz:
Immer wieder werden Überwachungsbilder veröffentlicht, auf denen zu sehen ist, wie Menschen in oder aus Schächten klettern.
Wie gern hätte ich gelesen:
Auf Überwachungsbildern ist zu sehen, wie jemand in Schächte steigt oder aus ihnen herausklettert.
Besonders interessant wird es, wenn man ins englische Original schaut. Im Eintrag der Washington Post auf X heißt es:
It’s a question locals and officials are trying to answer as people have been seen popping in and out of the ground.
Obwohl die Übersetzung alles andere als vertrackt ist, klebt das Deutsche brav am englischen Original: Aus people werden Menschen. Wie groß die Versuchung zur wörtlichen Übertragung ist, zeigt die automatische Übersetzung auf X:
Es ist eine Frage, die Einheimische und Beamte zu beantworten versuchen, da Menschen dabei beobachtet wurden, wie sie aus dem Boden auftauchen und wieder verschwinden.
Grammatisch ist daran wenig auszusetzen. Schönes, idiomatisches Deutsch ist es trotzdem nicht. Denn gut zu übersetzen heißt nicht, Wörter zu übertragen, sondern einen Gedanken in der Zielsprache neu zu formulieren.
Zum Beispiel:
Seit einiger Zeit rätseln Anwohner und Behörden, warum immer wieder jemand in die Kanalisation steigt oder aus ihr herausklettert.
Das hat sich von der englischen Vorlage gelöst und klingt wie natürliches Deutsch.
Ob der n-tv-Satz tatsächlich unmittelbar aus dieser englischen Quelle übersetzt wurde, lässt sich nicht feststellen; möglicherweise stammt die Formulierung aus dem zugrunde liegenden Agenturtext der dpa. Aber das Beispiel zeigt sehr schön einen Mechanismus, der das allgegenwärtige Menschen begünstigen könnte: Aus englisch people wird automatisch deutsch Menschen, obwohl wir häufig ein Pronomen, eine konkrete Bezeichnung oder überhaupt eine andere Satzkonstruktion wählen würden.
Ist „jemand“ noch zeitgemäß?
Vielleicht gibt es einen weiteren Grund, das kleine Wort zu meiden. Steckt in jemand nicht verdächtig viel man – und damit womöglich sogar Mann?
Sprachgeschichtlich ist die Assoziation gar nicht so abwegig, wie ich herausgefunden habe. Jemand geht über mittelhochdeutsch ieman und althochdeutsch ioman zurück; in dem Wort steckt ein altes man, das einst Mann beziehungsweise Mensch bedeutete.
Nur folgt daraus für den heutigen Sprachgebrauch nichts. Jemand ist ein Indefinitpronomen und bezeichnet eine nicht näher bestimmte Person gleich welchen Geschlechts. Leitfäden für inklusive Sprache führen jemand und niemand ausdrücklich als geschlechtsneutrale Formen. Ausgerechnet jemand wäre also bestens geeignet, wenn man ein Geschlecht gar nicht erst ins Spiel bringen möchte.
Ganz frei von Genderfragen ist die Sache trotzdem nicht. Wer anschließend ein Relativpronomen benötigt, landet traditionell bei „jemand, der . . .“. Das kann als männlich empfunden werden. Sprachratgeber empfehlen deshalb mitunter tatsächlich Konstruktionen mit „Person“ oder „Menschen“.
Plädoyer für „jemand“
Vielleicht liegt es daran. Vielleicht an Gewohnheit, vielleicht an sprachlicher Mode. Belegen lässt sich nach meinen Nachforschungen bislang nicht, dass Mensch das Pronomen jemand systematisch aus dem Journalismus verdrängt hat.
Feststellen lässt sich aber etwas anderes: Schon vor 15 Jahren fiel mir dieselbe sprachliche Erscheinung auf – und sie begegnet mir noch heute. Das ist einer der Vorzüge eines alten Blogs: Er hat ein Gedächtnis. Und meines sagt mir: Geben wir jemand wieder etwas mehr zu tun. Das kleine Wort ist unauffällig, kurz, geschlechtsneutral und erfreulich leistungsfähig.
„Jemand“ statt „Menschen“? Auf jeden Fall. Wo jemand genügt, braucht es keinen Menschen.

