Ein „maroder Baum“ bei n-tv lässt mich stutzen. Über treffende Wörter, journalistischen Wortschatz und die Frage, warum verständlich noch lange nicht präzise bedeutet.
In einem kleinen Artikel über einen Nachbarschaftsstreit am Tegernsee lese ich bei n-tv von einem Baum, der „marode“ sei. Ich stutze. Wirklich? Können Bäume marode sein?
Natürlich versteht jeder, was gemeint ist. Und völlig falsch ist das Wort nicht. Sprache lässt Übertragungen zu: Brücken sind marode, Straßen, Häuser, manchmal sogar Staatsfinanzen. Warum also nicht auch ein Baum?
Weil es ein genaueres Wort gibt: morsch – oder krank, faul, abgestorben, brüchig – je nachdem, was mit dem Baum tatsächlich nicht stimmt.
Treffende Wörter erzeugen Bilder
Und damit sind wir bei einem Problem, das mir im Journalismus immer häufiger auffällt. Nicht das falsche Wort verdrängt das richtige, sondern das ungefähre. Ein kleines Repertoire universell einsetzbarer Begriffe ersetzt Wörter, die genauer unterscheiden.
Denken Sie an das Universaladjektiv gut, an wunderbar im Feuilleton oder an den Menschen, wo sich je nach Rolle präzisieren ließe: Besucher, Zuschauer, Opfer, Anwohner, Überlebende, Passagiere. Auch Hass, Empörung und Entsetzen werden gern zu Universalbegriffen, obwohl sich die jeweilige Emotion oft wesentlich genauer beschreiben ließe.
Dabei ist gerade das treffende Wort eines der wichtigsten Werkzeuge des Journalisten. Denn Sprache erzeugt im besten Fall ein Bild. Ist der Baum morsch, sehe ich ihn sofort vor mir: das dunkle, faulige Holz; ich rieche den Moder. „Marode“ liefert dagegen nur eine allgemeine Zustandsbeschreibung.
Mein Freund Chat
Dass solche Dinge heute durchs Raster fallen, mag auch am verschwundenen Lektorat liegen. Dafür gibt es inzwischen einen neuen Helfer. Wer unsicher ist, kann seinen Text einer KI vorlegen und fragen: Ist das verständlich? Ist es präzise? Gibt es ein treffenderes Wort?
Die KI muss den Text nicht schreiben. Aber sie kann den Schreiber daran erinnern, genauer zu formulieren.
Ich bin ein unbedingter Verfechter treffender Wörter. Denn guter Stil beginnt nicht beim schönen Wort, sondern beim richtigen.

