Nach dem Anschlag in Berlin meldete die Polizei einen „mutmaßlichen Tatverdächtigen“. Juristisch ist die Vorsicht nachvollziehbar. Sprachlich ist sie vor allem eines: doppelt gemoppelt. 

Die traurigen Ereignisse in Berlin liefern leider auch ein Beispiel für eine sprachliche Entwicklung, die sich seit Jahren ausbreitet. Die Berliner Polizei schrieb auf X:

„Ein mutmaßlicher Tatverdächtiger konnte identifiziert werden.“

Der Satz wirkt sorgfältig formuliert. Tatsächlich enthält er aber einen Vorbehalt zu viel.

Die eigentliche Kritik ist nicht „mutmaßlich“

Der Begriff mutmaßlich hat juristisch und journalistisch durchaus seine Berechtigung. Er schützt die Unschuldsvermutung.

Das Problem entsteht erst in der Kombination:

mutmaßlicher Tatverdächtiger

Denn hier steckt die Unsicherheit doppelt drin.

  • Verdächtiger ist bereits jemand, gegen den ein Verdacht besteht.
  • Ein Tatverdächtiger ebenso.
  • Ein „mutmaßlicher Tatverdächtiger“ ist sprachlich nichts anderes als ein „vermutlich Verdächtiger”. Die Unsicherheit wird doppelt ausgedrückt.

Ein Tatverdächtiger ist also bereits jemand, gegen den sich ein Verdacht richtet. Seine Täterschaft steht gerade nicht fest. Genau deshalb heißt er Tatverdächtiger und nicht Täter. Wozu also noch mutmaßlich?

Wenn Vorsicht zur Blähsprache wird

Der zusätzliche Vorbehalt schafft keine neue Information. Er wiederholt lediglich, was im Begriff bereits steckt. Wolf Schneider hätte dafür vermutlich nur ein Wort gehabt: Blähsprache.

Ähnlich überflüssig wirken Formulierungen wie:

  • potenziell möglich
  • nahezu fast
  • bereits schon

Sie alle sollen besonders präzise klingen. Tatsächlich sagen sie dasselbe zweimal.

Weniger ist oft genauer

Der Satz der Berliner Polizei ließe sich problemlos straffen:

Ein Tatverdächtiger konnte identifiziert werden.

Oder sogar:

Ein Verdächtiger konnte identifiziert werden.

Beides wahrt die Unschuldsvermutung, niemand wird voreilig zum Täter erklärt. Gleichzeitig gewinnt der Satz an Klarheit.

Gute Sprache vertraut ihren Wörtern

Dahinter steckt ein allgemeiner Trend, der weit über Polizei und Medien hinausreicht. Auch Fachabteilungen großer Unternehmen neigen dazu, Aussagen mit immer neuen sprachlichen Sicherungen zu versehen. Das soll Präzision erzeugen, führt aber häufig zum Gegenteil: Texte werden länger, schwerer und unverständlicher. Was als Genauigkeit beginnt, endet nicht selten in Redundanz, aus Angst, missverstanden zu werden. Der Trend führt in aller Regel zu einer schlechteren Lesbarkeit und Verständlichkeit.

Gute Sprache funktioniert anders. Sie vertraut darauf, dass jedes Wort seine Aufgabe erfüllt und nicht ständig abgesichert werden muss. Denn Präzision entsteht nicht durch mehr Wörter, sondern durch die richtigen. Wolf Schneider hat einmal sinngemäß gelehrt: Jedes Wort muss sich seinen Platz verdienen. „Mutmaßlicher Tatverdächtiger“ zeigt, wie schnell eines zu viel werden kann.

Mehr Mutmaßungen finden Sie hier.

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