Fröhlich in den Weltuntergang: Die mediale Wortwahl wird lauter und dramatischer. Aktuelles Beispiel: Der Kipppunkt, der früher ein Wendepunkt war.

Abbildung des FAZ-Blogs namens Kipppunkt

Mediendarling Kipppunkt: Sind wir noch zu retten? (Bildschirmfoto)

Es ist immer wieder interessant, finde ich, wie sich von Zeit zu Zeit Wörter mit ähnlicher oder vielleicht sogar identischer Bedeutung im Medien- und Sprachgebrauch ablösen. So wie man mal von starken Unterschieden oder schweren Unruhen sprach, sind es nun massive; und so wie man etwas mal legendär nannte, ist es nun ikonisch. Dabei verschärft sich auch der Ton: Vieles Gesellschaftliche lässt sich nicht mehr sagen, ohne die ganz grellen Gefühle wie Entsetzen, Empörung, Hass oder Hetze zu bemühen.

Dieser Effekt wird nach meiner Einschätzung vom Import aus dem Englischen beschleunigt. Doch auch der Einfluss von Moden, Trends und Redakteursmuße begünstigt ihn. Der Mensch möchte eben manchmal einfach was Neues, wenn er in den Kleiderschrank schaut, auch wenn er sich doch eigentlich nur anziehen muss, um nicht zu frieren.

Mein konkreter Punkt ist der Kipppunkt, von dem ich bis vor kurzem nichts wusste, der aber zunehmend in Medien verwendet wird. Die FAZ hat beispielsweise einen ganzen Blog danach benannt.

Denn wir haben doch eigentlich das schöne Wort Wendepunkt, dass in etwa denselben Umstand bezeichnet: Nämlich dass eine Entwicklung ein Ausmaß angenommen hat, ab dem sie unumkehrbar geworden ist. Offenbar geht der Kipppunkt weiter: Der Duden definiert ihn als einen Vorgang, bei dem etwas aus dem Gleichgewicht gerät.

Die emotionale Aufladung

Sie denken vielleicht – wen juckts? Doch genauer betrachtet besteht ein Unterschied, nämlich im Dramafaktor. Kippen signalisiert: Von hier an geht’s abwärts. Drama, Empörung, Untergang – es geht offenbar nicht mehr ohne. Von der Horizontalen stürzen Sie in die Vertikale, wenn Sie Tipppunkt statt Wendepunkt sagen.

Sie sehen aber auch, wie Sie durch die Wahl eines Wortes ein Thema emotional ganz einfach aufladen oder besetzen können. In der Detailbetrachtung der Wortwirkung fällt noch eins auf: Der Kipp-Punkt klingt fragil, zart und zerbrechlich. Das fehlt dem robusteren Wendepunkt. Auch damit passt der Kipppunkt in die Zeit: Sind wir nicht alle furchtbar sensibel, einfühlsam und rücksichtsvoll? Und dann erst die Ökosysteme, die Erde und das Klima.

Wie Sie sich denken können, missfällt mir neben dem dramatisierenden Unterton aus ästhetischen Gründen das dreifache P. Noch am ehesten lässt es sich durch einen Bindestrich kaschieren, was dann zur Schreibung Kipp-Punkt führt.

Kipppunkt: Medienbeispiele

Die sog. Wissenschaftssendung Quarks im WDR spitzt – ganz unwissenschaftlich – extrem zu, macht gleich ganze Kippsysteme aus und hat es nicht kleiner, als von „tickenden Zeitbomben“ zu sprechen. Das meinte ich mit Drama.

Dem will auch das Umweltbundesamt nicht nachstehen, wenn es eine Broschüre zum Klima mit Kipp-Punkte im Klimasystem betitelt hat. Dabei dürfte aber auch eine Rolle gespielt haben, dass Kippen und Klima alliteriert, also durch denselben Anlaut Ki ähnlich klingt.

Als drittes und letztes Beispiel für den Untergang, den das Wort im Gegensatz zum Wendepunkt markiert, hier noch ein Artikel aus der Frankfurter Rundschau. Unter der holprigen Überschrift „Das Schlimmste bereits in Gang gesetzt“ heißt es im zweiten Punkt des Intros vergleichsweise nüchtern: Kipp-Punkte sind wahrscheinlich schon erreicht

Etwa 20 Jahre hat es gedauert, ehe der Kipppunkt sich durchgesetzt hat, informiert uns der dazugehörige Wikipedia-Artikel. Demnach hat ein Buch mit dem Titel „Tipping Point – Wie kleine Dinge Großes bewirken können“ 2000 den Stein ins Rollen bzw. den Eimer zum Kippen gebracht. Vom englischen Tipping war es dann nur ein kleiner, weil ebenfalls ähnlich klingender Schritt zum Kippen. Wenn es so einfach ist,  setzt es sich schnell durch. Es kann dabei kaum überraschen, dass der Begriff aus der Rassentrennung stammt und inzwischen in der Klimafrage angewendet wird – zwei der häufigsten aktuellen Politikthemen.

Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, aber wenn ich derart dramatische Überschriften lese, wundere ich mich, dass ich noch lebe. Gleichzeitig wundere ich mich nicht, dass viele so düster in die Zukunft blicken. Diese Art der Berichterstattung kann niemanden kalt lassen. Für mich bleibt die Entwicklung zunächst nur dies: Ein Wendepunkt auf dem schmalen Grat zwischen Vernunft und Übertreibung.

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