Radfahrer werden zu Radfahrenden, Verkehrsteilnehmer zu Verkehrsteilnehmenden – die Polizei gendert, und der Leser spürt eine Veränderung.

Radfahrender (Selbstbildnis) – Wer ist das Ding: es oder ich?

(9.5.2021) Was selbst regelmäßige Leser dieses Blogs vielleicht sogar im Jahr 2021 noch nicht wissen: Ich lese gern den Polizeibericht. Zum einen amüsiert er mich, weil er manchmal so herrlich unbeholfen formuliert ist und Geschichten aus dem echten Leben bringt, die man sich nicht ausdenken kann. Zum anderen, und das ist der Hauptgrund für meine Vorliebe, informiert er mich: Ungefiltert, ohne Bearbeitung durch einen Journalisten, kann ich so direkt ab Quelle das Geschehen verfolgen bzw. einen Bericht davon erhalten.

Letzte Woche hat nun die Münchner Polizei dort einen Bericht zum „Verkehrssicherheitsprogramm 2030“ veröffentlicht. Ich weiß nicht, ob es zum ersten Mal geschah, aber wenn nicht, dann fiel mir erstmalig auf, dass er gegendert war. Aus Radfahrern sind nun Radfahrende geworden, aus Verkehrsteilnehmern Verkehrsteilnehmende. Die Überschrift liest sich im genauen Wortlaut so:

Landesweite Schwerpunktaktion – „Ungeschützte Verkehrsteilnehmende, insbesondere Radfahrende“ im Rahmen des Verkehrssicherheitsprogramms 2030 „Bayern mobil-sicher ans Ziel“ – Stadtgebiet/Landkreis München

Neutralität, Versachlichung, Entmenschlichung

Keine Angst, dieser Eintrag wird keine feurige Kampfschrift gegen das Gendern, obwohl ich mir die Bemerkung nicht verkneifen kann, dass ich – ganz persönlich, versteht sich – Helme, Lastenräder und E-Bikes vor meinem inneren Auge sehe, gesteuert von Männern und Frauen gleichermaßen, wenn ich das Wort Radfahrer lese. Keineswegs ändert sich dieses Bild, wenn sie nun Radfahrende heißen. Und ich begnüge mich mit dem Hinweis, dass Radfahrende als Ersatz nur im Plural funktionieren.

Nein, ich möchte einen anderen Aspekt festhalten, der in der Debatte in meiner Wahrnehmung noch gar nicht so oft genannt wurde. Ein Wort wie Verkehrsteilnehmender stellt nämlich eine extreme Versachlichung dar – mit Vor- und Nachteilen.

  • Wer so spricht, hat sich wohl tatsächlich eine strikt neutrale Haltung zu eigen gemacht. Das kann für eine Behörde ein Vorteil sein, weil vor dem Gesetz jeder gleich behandelt werden soll. Das zeigt sich darin sprachlich.
  • Gleichzeitig aber tritt mit der Versachlichung  eine Entmenschlichung ein. Das klingt als Wort hart, aber wenn ich mein inneres Auge zum Maßstab nehme, stelle ich fest, dass ich bei Verwendung dieses Wortes nicht mehr so schnell und klar eine Bild von einem Menschen herstellen kann. Und das, obwohl es doch einen solchen beschreibt. Insofern Wörter Realität möglichst genau abbilden sollen, halte ich das für einen Nachteil.

Das wäre ein vielleicht nicht zu unterschätzender Nebenaspekt, der im jeweiligen Anwendungsfall für oder gegen das Gendern sprechen kann. Grundsätzlicher und mit Anwendungsratschlägen habe ich mich in einem anderen Beitrag geäußert.

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