Eine gute Headline oder einen solchen Slogan liest man selten. Deswegen habe ich hier zwei Lieblinge gesammelt und kommentiert.

Ich möchte den April nicht ohne Eintrag im Online-Tagebuch vorüberziehen lassen. Lange habe ich über ein Thema nachgedacht. Viele meiner Beiträge haben einen kritischen Aufhänger. Obwohl ich stets einen konstruktiven Umgang damit pflege und eine Lösung anbiete, steht es um Kritik derzeit schlecht. Auch Sprachkritik wird gern in eine bestimmte, die sog. falsche Ecke gestellt, auch dann, wenn man begründete Einwände hat, wie z.B. hier Rainer Moritz in der FAZ gegen das Gendersternchen. (Ein fundierter, lesenswerter Beitrag, wie ich finde.)

Möchte ich an billigen Debatten teilhaben oder via Shitstorm zu ihrem Gegenstand werden? Zweifellos nicht. Das ist es mir nicht wert, die simple Trennung in die Gruppe der Richtigen und die der Falschen finde ich intellektuell beschämend. Lieber schone ich Zeit und Nerven und genieße es, die erwachende Natur vor meinem Bürofenster zu beobachten. Muss man deswegen von Selbstzensur oder Feigheit sprechen? Auch das nicht. An derart dramatisierendem Vokabular erkenne ich deutschen Idealismus. Ich nenne meine Entscheidung pragmatisch gesunden Menschenverstand.

Favorit #1: Slogan „Wunschlos günstig“

Zeitgeist-Spiegelbild: Headline „Wunschlos günstig“

Daher möchte ich diesen Monat eine länger vernachlässigte Rubrik wiederbeleben, nämlich den Headline-Liebling. Da ist zum einen die Edeka-Agentur, die mich erneut entzückt hat.

Wunschlos günstig

textete man kürzlich einen Instagram-Post. Zugegeben, kein ganz großer Wurf, aber in dieser humorlosen, verhärmten Zeit, der der Lebensmitteleinkauf zum kulturellen Höhepunkt der Woche geworden ist, ist diese Variante auf

wunschlos glücklich

milde unterhaltsam und – wichtiger eigentlich – eine Spiegelung des Zeitgeistes. Denn wunschlos glücklich ist derzeit wohl niemand. Die Sehnsucht danach ist bestimmt vorhanden, doch man muss wohl zufrieden sein, wenn man wenigstens finanziell in der Lage ist, sich während der Seuche über Wasser zu halten und angemessen zu versorgen.

Textlich ist es hier geglückt,

  • ein Adjektiv mit derselben Silbenzahl,
  • demselben Anfangsbuchstaben und
  • dem demselben Umlaut (ü)

zu finden, sodass der Leser vermeintlich zunächst auf die vertraute Wendung blickt. Während gleichzeitig die Bedeutung durch das neue Wort günstig zum Kern des beworbenen Unternehmens passt, nämlich die Bevölkerung leistungsfähig und preiswert mit Lebensmitteln zu versorgen. (Wobei ich sehr wohl wahrnehme, dass Edeka sich seit längerem als gehobener Anbieter mit Ware besonderer Qualität und als Unternehmen mit bestimmten Werten inszeniert.)

Favorit #2: Headline „Große Kappe“

Abbildung des Titelbildes der Zeitschrift DB-Mobil

Auf den Punkt: Headline „Große Kappe“

Ich habe mich kürzlich getraut, einen ICE zu benützen – streng maskiert, versteht sich. Drei Wochen später darf ich berichten: Ich habe es überlebt. Besser noch, ich bin nicht einmal krank geworden, was ich als zartes Zeichen dafür deute, dass man reisen kann, wenn man es gut organisiert.

Bahnfahrer wissen, dass in den Zügen kostenlos die Kundenzeitschrift Mobil ausgelegt wird. Auch diese Redaktion versteht es, mich immer wieder zu begeistern. Sei es, dass sie Angela Merkel zum Interview zu kriegen (immerhin die Bundeskanzlerin, und sie gibt nicht jedem eines), sei es, dass die Heftgestaltung oder der Themenaufriss insgesamt ansprechend ist, sei es schließlich, dass mancher Beitrag gut i.S. von geistreich wortspielend überschrieben wurde. So auch hier:

Große Kappe

las ich auf dem Titel mit dem Sänger Mark Forster. Auf Anraten meines Anwaltes bilde ich nur noch die Zeile selbst ab. Daher erschließt sich Ihnen der Witz der Zeile nicht unmittelbar. Lassen Sie mich kurz erklären. Das Titelbild zeigt Forster mit seinem Markenzeichen, einer Kappe. Gleichzeitig ist er ein schlagfertiger Typ, der bei seinen Fernsehauftritten, z.B. bei Voice of Germany, kein Blatt vor den Mund nimmt. Daher fand ich die Zeile mit dem Wortspiel auf die große Klappe gut.

Der Punkt ist: Es ist kein Wortspiel zum Selbstzweck, also um die Intelligenz des Schreibers herauszustellen, sondern eins, das der Geschichte dient, weil es den Porträtierten treffend umschreibt.

2 Responses to Headline-Liebling im April
  1. […] beschlossen, die Kategorie „Wort der Woche“ einzuführen. Sie tritt damit neben Rubriken wie „Headline-Liebling“ oder „Konjunktiv des […]

  2. […] schon wieder ein halbes Jahr her, dass ich Headline-Lieblinge gekürt habe. Zeit wird’s. Wenn Sie mir diese kurze Abschweifung […]


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