Die Themen der Woche: Zehn Jahre bloggen – die Gesellschaft für deutsche Sprache wählt das Wort des Jahres – wie konnte es dazu kommen, dass der Thriller The Firm im Deutschen unter Die Firma erschien?

Das Bild zeigt Brote mit Ei und Tomate, um das Jubilum zu illustrieren

Zehn Jahre bloggen: Zur Feier des Tages gibt es Schnittchen mit Ei © Pixabay

Zehn Jahre bloggen

Das Unglaubliche ist geschehen: Dieses Blog existiert zehn Jahre. Am 2. Dezember 2010 veröffentlichte ich den ersten Eintrag. Er handelte vom Jugendwort des Jahres 2010. Falls Sie es vergessen haben: Gewählt wurde Niveaulimbo. Als Wort gar nicht mal schlecht, wie  ich in der Rückschau finde: Locker, ironisch, leicht distanziert. Werde ich mir merken. Sie sind Nostalgiker? Hier finden Sie den Eintrag.

Vieles hat sich seitdem getan, auch in der Wahl und der Bearbeitung der Themen. Vor allem die Bearbeitung ist – meist vor kritischem Hintergrund – konstruktiver (also weniger anklagend) und umfangreicher geworden. Nicht wenige haben mir Besserwisserei vorgehalten, Haarspalterei, Kleinkariertheit, Erbsenzählerei. Wissen Sie was? Dann sei dem so, mich beschäftigen diese Fragen, sonst hätte ich das Blog weder gegründet noch hätte ich über so lange Zeit bloggen können. Und wissen Sie noch was? Ebenso häufig wurde ich auf mein Blog angesprochen, interessant hieß es, wieder was gelernt, darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Es ist Corona, Attentate fordern Tote und Verletzte, so feiere ich still – es gibt Schnittchen mit Ei, später vielleicht ein Gläschen.

Zwischenzeitlich habe ich stark an der Auffindbarkeit von Beiträgen gearbeitet (neudeutsch: SEO), was zu monothematischen Beitragen führt. Der heutige wird ein Sammelbeitrag, in dem sich zwei Kreise schließen.

  1. Nicht wenige Beiträge hielten neue Wörter fest oder würdigten Wörter nach einer Wahl.
  2. Vielleicht sogar noch mehr Beiträge entstanden, weil in Büchern, Magazinen oder auf Webseiten aus Hast oder Unkenntnis schlecht aus der Lingua-Franca unserer Zeit, dem Englischen, übersetzt wurde.

Das Wort des Jahres 2020

Zum Beispiel wählte die Gesellschaft für deutsche Sprache Anfang der Woche traditionell das Wort des Jahres 2020. Wenig überraschend siegte die Corona-Pandemie vor dem Lockdown. Damit bin ich fein, um einen häufig bemühten Alltagsanglizismus zu verwenden. Platz drei dagegen wirft mir Falten auf die Stirn: Was zur Hölle ist eine Verschwörungserzählung? Das Wort habe ich bis dato nicht gehört, isch schwör.

Machen wir den Test und bemühen wir die Suchmaschine: 68.400 Treffer (Stand: 1.12.20). Mit anderen Worten: Ein Wort, das so gut wie niemand benutzt. Der erste Treffer führt auf die Webseite der Antonio-Amadeo-Stiftung, eine Einrichtung , die sich nach eigenen Worten für die

Stärkung einer demokratischen Zivilgesellschaft, die sich konsequent gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus wendet.

Also ein Wort, das nur von einer bestimmten Interessen- resp. Lobbygruppe genutzt wird. Das richtige Wort hätte natürlich Verschwörungstheorie (845.000 Treffer am 1.12.20) heißen müssen. Warum wählt man nicht den zehnmal häufigeren und damit eindeutig gebräuchlicheren Begriff? Ich verstehe das nicht. Die Jury schreibt auf der Webseite:

Verschwö­rungs­erzählung findet sich neuerdings öfter anstelle des älteren und häufiger belegten Wortes Verschwö­rungstheorie. Es legt nahe, dass ein unbeweis­bares Kon­strukt nicht gut als Theorie – laut Wörterbuch ein ›System wissenschaftlich begründeter Aussagen‹ – zu bezeichnen ist.

Das ist akademische Kosmetik, die die Realität verfälscht. Sprachbildung erfolgt eben nicht nach wissenschaftlich korrekter Bezeichnungslogik, sondern oft assoziativ. Sie entwickelt sich in der Praxis, früher auch mal Volksmund genannt. (Heute sicher ein verpöntes Wort.) Sonst würden wir alle von Postwertzeichen statt Briefmarke oder Richtungsänderungsanzeiger statt Blinker sprechen.

The Firm – die Firma?

Als drittes möchte ich auf einen Klassiker zu sprechen kommen – Übersetzungsfehler aus der Abteilung falscher Freund. Ein solcher liegt vor, wenn ein Wort in der Ausgangssprache so ähnlich klingt wie eins in der Zielsprache, nur leider etwas anderes bedeutet.

Der aktuelle Anlass war die Wiederholung der Firma auf Arte am Sonntag Abend. Originaltitel: The Firm. Sie erinnern sich: Tom Cruise spielt den aufstrebenden jungen Anwalt, der entdeckt, dass er in einer Kanzlei arbeitet, deren Hauptklient die Mafia ist. Wenn man nur diese Inhaltsangabe in einem Satz gelesen hat, weiß man es schon – eine firm ist kurz für law firm und heißt im Deutschen Kanzlei, und eben nicht Firma. Eine Firma ist ein boulevardesker Ersatz für ein Unternehmen.

Nun ist die Frage, ob vielleicht ganz bewusst so entschieden wurde. Zum Beispiel, weil ein Stratege im Verlag der Auffassung war, Kanzlei klinge zu abgehoben oder sperrig, sodass nur wenige davon angesprochen würden; eine Firma dagegen klinge handfester, lebensnäher und spannender. Vielleicht wollte man mit der Firma auch die Nähe zur Mafia suggerieren, bei der es in dem Streifen geht? Wie dem auch sei, mein Tipp: Falschen Freunden bitte immer auf den Zahn fühlen.

Ich weiß, der Film ist von 1993, der Titel hat demnach 27 Jahre auf dem Buckel. Aber wie ich gern sage: Es ist nie zu spät. 😉 Insofern: Danke fürs Interesse und bleiben Sie mir gewogen.

Noch einen falschen Freund finden Sie hier.

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