Wie ein unbedeutend wirkendes Wort wie derzeit eine Aussage, einen Text, ja eine Person in ihrer Wirkung verändert.

Der Störpunkt beinhaltet mehrmals das Wort derzeit.

Ausstellungsbeiblatt (Titelausriss): Derzeit hier, morgen anderswo

Heute mal wieder ein kleines Thema. Eine Nische in meiner Nische sozusagen. Darüber, wie ein kleiner Kunstgriff große Wirkung haben kann. Wie ein einziges Wort eine Aussage erhöht. Die Realität verklärt. Eine ganz andere Wahrnehmung einer Tatsache erzeugt.

Derzeit – der Fall

Neulich war ich zu einer Vernissage eingeladen. Die Ausstellung wird von einer Zeitung begleitet, die sich jedem  Künstler, seinen Werken und biographischem Hintergrund widmet – s. Titelausriss. Neben den üblichen, leicht verschwurbelten, Künstler und Werken schmeichelnden Worten fand ich regelmäßig die vergleichsweise klare Formulierung

(Der Künstler) XY lebt derzeit in München,

worüber ich in diesem Eintrag sprechen möchte. Zufällig kenne ich einen der Künstler (er hat mich eingeladen) und weiß, dass er seit langer Zeit in München ansässig ist, und dies unverändert. Warum aber schrieb der Verfasser, der Künstler lebe derzeit in München?

Der Grund ist einfach: Weil dieses eine Wort, weil dieser kleine Trick einen großen Unterschied in der Aussage herbeiführt.

Die Analyse

Stellen Sie sich vor, da stünde

XY lebt in München.

Dann dächten Sie: Okay, danke für die Info, in der Stadt wohne ich auch – und jetzt? Das kleine Wort derzeit aber macht den Künstler interessanter, denn es unterstellt, er halte sich nur vorübergehend in München auf, und vorher habe er in anderen, vielleicht sogar vielen anderen Orten gelebt und gearbeitet (noch so eine Feuilletonphrase).

Derzeit öffnet einen Assoziationsraum, es suggeriert Eigenschaften wie

  • Ruhelosigkeit,
  • Neugier,
  • Getriebenheit,
  • Lebenserfahrung und
  • Weltläufigkeit

Es bringt vieles mit sich, das Sie, ein anderer Ausstellungsbesucher oder generell Otto Normalverbraucher nicht haben oder können. Kurz, es schafft zwei Klassen: Künstler oben, Publikum unten. Künstler besonders, Publikum gewöhnlich. Böse formuliert: Es diskriminiert, was heutzutage, im Zeitalter von Inklusion und Gleichstellung und gerade auch bei liberalen Kunstfreunden, verpönt ist.

Es lässt eine Aura der Erhabenheit um den Künstler entstehen, die da eigentlich nicht ist, die ihn größer wirken lässt, seinen Wert erhöht. Was wiederum den Galeristen freuen dürfte: Auf dass das Publikum in Scharen ströme und sich die Bilder und Skulpturen in Flure, Wohn- und Schlafzimmer hängen oder stellen möge.

So – das war zugegeben speziell, aber hoffentlich aufschlussreich. Hinter dem folgenden Link finden Sie ein paar generelle Tipps für Texter.

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