Der Trend, Adjektive auf -lich in solche auf -bar zu ersetzen, ist unaufhaltsam. Zum aktuellen Beispiel „erwerbbar“ habe ich eine Erklärung von höchster Autorität (und dann auch noch gedruckt).

erwerbbar ist ein grässliches Wort

Erwerbbar: Was wurde aus erhältlich?

Hallo und herzlich willkommen zu einer weiteren Prise sprachlichen Mikromanagements.

Aus meiner Zeit als Musikjournalist (sowas gab’s mal, und sogar für Geld, das zum Lebensunterhalt reichte) beziehe ich noch diverse Newsletter der Musikindustrie. Was nicht schlecht ist, weil man so von Neuerscheinungen erfährt (sofern man sich für diesen Gegenstand interessiert). Gleichzeitig bleibe ich so über sprachliche Veränderungen einer trendigen Branche auf dem Laufenden, also einer, in der Sprachentwicklung sich wohl mit am schnellsten vollzieht – womit wir beim Thema wären.

Erwerbbar – eine Neuschöpfung

Zu den erwähnten Newslettern gehört der der Plattenfirma Sony. Er wird wöchentlich von einem mir nur aus der Lektüre bekannten Mitarbeiter namens Ben mit einem Teaser anmoderiert, der mir meistens gefällt, weil Ben mich oft überrascht: Sei es mit einer kleinen Sprachspielerei oder einem witzigen Gedanken. Diese Woche widmet Ben sich dem Robbie-Williams-Weihnachtsalbum und verwendet dabei die Formulierung, seit September seien bereits  . . . Jahresendschokoladenhohlkörper (hübsche Referenz an DDR-Sprech) käuflich

erwerbbar.

Da musste ich kurz schlucken, denn für erwerbbar könnte man eigentlich ganz einfach erhältlich sagen. Aber Ben entschied sich für erwerbbar. Vielleicht schrieb er käuflich erwerbbar, um die Doublette käuflich erwerblich zu vermeiden, wobei erwerblich nicht existiert und sehr an gewerblich erinnert, also nicht gemeint sein dürfte, und erhältlich eben genau das bedeutet: käuflich erwerbbar. Im Duden steht das Wort jedenfalls nicht, womit Ben Neues geschaffen hat.

Erwerbbar in „Dummdeutsch“

Ich will das gar nicht groß bewerten, denn ich sehe mich mehr als Chronist, der die Veränderung dokumentiert. Das überlasse ich Eckhard Henscheid, der sich schon in den 80ern mit einem Buch namens „Dummdeutsch“ verdient gemacht hat. Wäre ich der Autor, hätte ich es anders genannt, aber es heißt nun einmal so. Es ist ein Kompendium von Modewörtern in den Medien, in dem Henscheid mit Kritik an den Machern nicht spart. Schrott und Humbug heißt es im Vorwort, und gemeint ist „eine Emulsion aus Werbe- und Kommerzdeutsch, altem Feuilleton- und neuem Professorendeutsch, aus dem Deutsch der sog. Psychoszene und dem einer neuen Innerlichkeit, speziell linker Provenienz, aus eher handfest-törichtem Presse- und Mediendeutsch, aus Sport- und Bürokratendeutsch.“

Statt -bar hilft ein Infinitiv

Als ich kürzlich wieder darin las, fand ich zu meinem größeren Erstaunen einen Eintrag zum Trend zur Verwendung von Adjektiven auf -bar, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Erstaunt (und erfreut) war ich deshalb, weil ich hier im Blog ja bereits den Trend identifiziert habe, mir aber unbekannt war, dass jemand anders auch schon dran war. Und das so früh, dass der Inhalt noch gedruckt wurde.

bar 1. Die inkarnierte Faulheit, gefälligst einen Infinitiv zu bilden. 2. Ausdruck einer unbescheiden menschenzentrierten Weltsicht, dass die Dinge könnten, wenn sie nur wollten, bzw. dass jeder Unfug machbar sei, wenn der Mensch sich nur dazu aufraffte. Klappt aber nicht immer. So ist das Wetter zwar veränderlich, aber nicht veränderbar, ein Atomkraftwerk von seiner Natur her unverantwortlich, in den Augen seiner Betreiber aber rundheraus verantwortbar. Gegenbeispiel: Der Barscheck – er bleibt einlösbar.

(aus: Eckhard Henscheid, Dummdeutsch, Reclam, 1995, S. 34)

Der Infinitiv wäre im Newsletter tatsächlich die Alternative gewesen, und hätte sogar zum Einsatz eines stärkenden Verbes geführt: käuflich zu haben oder käuflich zu erwerben.

Wie ich von einem Trend sprechen kann? Lesen Sie meine Einträge zu unübertreffbar, unerschütterbar oder undeutbar.

Feminismus im Freitag

Was war diese Woche noch gut? Wenn Sie Autoren interessieren, die lustig schreiben können und sich stilistisch von der Masse abheben, hätte ich hier noch was für Sie von einer gewissen Ruth Herzberg. Auch wenn eine Feminismus-Veranstaltung nicht Ihr Thema sein sollte: Das finde ich schreiberisch schon sehr gelungen. Es zeigt, dass es sich immer noch lohnen kann, Journalismus zu goutieren. Eine Einschränkung kann ich mir nicht verkneifen: Wenn der Stil den Inhalt dominiert, wird es kritisch, und ich fürchte, das ist in diesem – Achtung: – Stück der Fall. Handwerklich ist es das sauberste, wenn der Stil dem Inhalt dient.

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