Die Medien schalten einen Gang hoch: Aus dem Klimawandel wird die Klimakrise. Dabei wird vornehm die  Interessenlage von Medien und Öffentlichkeit verschwiegen.

Klimawandel ist als Begriff im Wandel

Risse in der Berichterstattung: Wann wird der Klimawandel zur Krise? © MrsBrown auf Pixabay

(7.7.2019, aktualisiert am 10.7.2019) Das wurde aber auch Zeit: Endlich taucht einer der häufigsten Begriff der Nachrichten der letzten in diesem Blog auf. (Schauen Sie mal hier: der Anstieg beim DWDS). Jedoch nicht, um eine politische Debatte zu führen. Dafür ist hier nicht der Ort. Regelmäßige Leser wissen, dass hier ausschließlich mediale Entwicklungen Erwähnung finden. Und damit sind wir beim Thema des heutigen Eintrags. Wie wollen wir über den Klimawandel reden?

Neulich hat sich nämlich T-Online ein Statut gegeben, wie man künftig mit dem Klimawandel redaktionell und sprachlich umgehen will. Das liest sich so:

Klimawandel: Das Wort suggeriert einen natürlichen Prozess. Selbstverständlich gibt es diesen Prozess – schon seit fünf Milliarden Jahren. Das Klima auf unserem Erdball wandelt sich aufgrund natürlicher Zyklen. Das ist aber etwas anderes als die menschengemachte Klimakrise, die durch den massenhaften Ausstoß von Treibhausgasen hervorgerufen und Jahr um Jahr verschärft wird.

Ich halte es für legitim, den menschengemachten Klimawandel, der eigentlich gemeint ist, aus praktischen Gründen auf Klimawandel zu reduzieren. Jeder weiß, was gemeint ist. Weiter zum T-Online-Statut:

Ja, es gibt ein paar Zeitgenossen, die diese Entwicklung leugnen. Aber die überwältigende Mehrheit der Wissenschaftler sagt . . . klipp und klar: Die Menschheit ist drauf und dran, das Klima unseres Planeten so gründlich aus dem Gleichgewicht zu bringen, dass irreversible Schäden entstehen. Das ist kein Wandel, das ist eine Krise. Mancher mag es auch eine Katastrophe nennen, aber dieses Wort wiederum klingt so, als käme die Entwicklung mehr oder weniger ohne unser Zutun über uns. Tut sie nicht. Wir sind selbst verantwortlich dafür.

Je schlimmer der Klimawandel, desto besser (für Medien)

Hier kommen wir in schwieriges Terrain. Definiere Krise! Dafür muss man einen Gedanken vorausschicken, der in der öffentlichen Diskussion nahezu vollständig fehlt. Es wird nämlich oft gefordert, Journalisten sollten neutral sein. Das mag auf diejenigen aus dem gebührenfinanzierten Sektor zutreffen. Unabhängigkeit muss man sich nämlich leisten können. Zeitungen verkaufen sich nicht, wenn sie die Wahrheit schreiben (also der Aufklärung dienen), sondern indem sie möglichst sensationell berichten. Gilt analog für Klickraten auf Nachrichtenseiten.

Und man weiß auch: Schlechte Nachrichten verkaufen sich besser als gute. Das heißt in diesem Fall: Je schlimmer der Klimawandel, je größer die Angst, desto besser für Medien. Und je stärker die Medien das dramatisieren, desto stärker die Angst. Hier entsteht eine gar liebliche, sich gegenseitig bedingende Spirale aus Sentiment und sie befeuernder Berichterstattung. Es gibt ein wirtschaftliches Interesse von Medien an Katastrophen. Ganz abgesehen davon, dass Angst Macht gibt, mit der sich fabelhaft manipulieren lässt (wenn man will).

Wann liegt eine Krise vor?

Zurück zur Krise: Mir fällt es oft in der Wirtschaftsberichterstattung auf. Schon ein Rückgang (!) des Umsatzes/Kurses/Gewinns wird in Medien augenblicklich als Einbruch bezeichnet. Hier ein Beispiel von ntv, bei dem der Goldkurs um 1,7.Prozent sinkt. Wenn Sie mich fragen (oder sachlich/nüchtern denken wollen), ist das Wort Einbruch erst ab einem Rückgang um mindestens 50 Prozent gerechtfertigt.

Oder wenn das Wirtschaftswachstum sinkt (die Wirtschaft aber immer wächst), möchte man den Eindruck gewinnen, als sei das Ende der Welt nah. Düstere Farben am Horizont. So funktionieren Medien eben. Sie leben von der Krise.

Insofern muss man schlussfolgern: Wenn T-Online hier die Gangart verschärft, hat das nicht nur die altruistisch-aufklärerische Gründe, sondern auch wirtschaftliche. Das gilt selbstverständlich nicht nur für T-Online, sondern alle anderen Titel, die sich nachrichtlich betätigen und kommerziell erfolgreich sein müssen.

Vom Klimawandel zur Erderhitzung

Aber T-Online ist noch nicht fertig:

Die Klimakrise ist der passende Begriff für die größte Herausforderung, der sich die Menschheit gegenwärtig gegenübersieht. Erderhitzung mag ein zweiter sein. Deshalb haben wir in der t-online.de-Redaktion uns entschlossen, in der Berichterstattung überwiegend diese Begriffe zu verwenden. Nicht um Ihnen eine Meinung unterzujubeln, sondern weil wir bei den Fakten bleiben wollen.

Ja, die Fakten . . . sind nicht einfach nur Fakten, sondern brauchen einen Zusammenhang, in den man sie einordnet. Zum Beispiel wäre hier sachlich zu fragen, ob ein Anstieg um 1,5 oder auch 2 Grad im Jahr tatsächlich den Begriff Erhitzung rechtfertigt. Wenn ich mein Teewasser aufsetze, erhitze ich es von zehn auf hundert Grad. Wenn Sie Stahl schmelzen, müssen Sie ihn auf 1.500 Grad erhitzen. Sie sehen an diesen einfachen Beispielen, die Erhitzung lässt sich in der Ausprägung  wesentlich spreizen. Und die Frage wäre, ob eine Erderwärmung nicht der wesentlich passendere Begriff wäre, wenn die Medien nicht eben das Interesse an der Sensation und der Katastrophe hätten.

Der Druck der öffentlichen Meinung

Neben den Aspekt des Eigeninteresses tritt noch ein zweiter Aspekt: Wer von Klimakrise und Erderhitzung spricht, hängt sein Fähnlein auch trefflich in den Wind der öffentlichen Meinung. Ich will T-Online keinen Opportunismus unterstellen oder ihre Aufrichtigkeit bezweifeln. Es ist ganz einfach ein Nebeneffekt, dass die Begriffsanpassung auch dazu führen dürfte, dass sich alle Anhänger der Klimawandels-These dort verstanden und aufgenommen fühlen. Im Zweifel hat man ein paar Fans und Klicks mehr. Wer in der Geschäftsführung hätte etwas dagegen einzuwenden? Und in jedem Fall steht man in der Frage Gesinnungs- vs. Verantwortungsethik auf der richtigen Seite. Was die Politik selbst angeht, wäre zu sagen, dass es Lobbyisten durch eine solide erhitzte öffentliche Meinung  leichter gelingt, ihre Sache durchzusetzen.

T-Online ist übrigens nicht von selbst drauf gekommen. Bereits im Mai hat der englische Guardian sich eine verblüffend ähnlich Sprachregelung zum Klimawandel gegeben, in der von climate crisis statt climate change und global heating statt global warming die Rede ist.

Und wie ängstigend Worte wirken können, erkennen Sie an der durchgehenden Verwendung des Adjektives massiv, wenn etwas Starkes oder Schweres bezeichnet werden soll.

Aktualisierung, 10.7.2019.: Interessant ist, dass man Übertreibungen mit der Zeit gar nicht mehr wahrnimmt, weil man das Wort nicht mehr auf den Inhalt seiner Betandteile überprüft. Denken Sie an die BevölkerungsEXPLOSION! Oder erinnern Sie sich an den KostenTSUNAMI? Trotz maximaler Lautstärke hat er sich allerdings nicht durchsetzen können. Im Vergleich zu diesen beiden Beispielen wirkt die Klimakrise wie eine milde Erhöhung der Dezibelzahl.

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