Der Trend zum Ungefähren in Politik und Medien lässt das Adjektiv gut erblühen. Drei Beispiele zeigen die Problematik, das Potential und die Risiken.

Gute-Kita-Gesetz: Es geht um Geld und Stimmen

Gute-Kita-Gesetz: Steuern auf Stimmenfang

Dass Politiker ungern konkret werden, haben wir in langen Jahren gelernt. Solange sie unverbindlich und vage bleiben, verschrecken sie niemanden. Wer Stimmen fangen muss, ist wohl auf diese Rhetorik angewiesen. Das Ungefähre ist ein nützlicher Helfer: Man verspricht etwas, aber nichts Konkretes. Jeder Empfänger kann sich darunter etwas anderes vorstellen, niemand wird später enttäuscht, weil das Versprechen nicht seiner Erwartung entspricht.

Doch inzwischen breitet sich das Phänomen weiter aus als uns lieb sein kann. Da ist z.B. ein Grad der Simplifizierung, der die Frage aufwirft, ob die Politik ihre Wähler tatsächlich für so einfältig hält wie es die Wortwahl nahelegt? Regelmäßige Leser wissen, dass ich der größte Freund verständlicher Texte bin. Doch Vereinfachung sollte nicht zu Verdummung führen. Und auch nicht die Regeln sauberen Textens verletzen, wie ich in diesem Beitrag zeigen möchte.

Das Gute-Kita-Gesetz

Diese Woche wurde damit begonnen, das Gute-Kita-Gesetz (mit heikler Kopplung) im ersten Bundesland, in Bremen, einzuführen. Ich habe mich gleich gefragt: Was ist das nun – nein, keine Dampfmaschin`, sondern eine gute Kita? Was genau ist mit gut gemeint? Gibt es gutes Essen? Sind die Spielzeuge gut? Wenn ja, was sind gute Spielzeuge? Ist die Betreuung gut? Wenn ja, was macht sie gut? Was ist mit den Öffnungszeiten – wann sind die gut? Wem wird eigentlich Gutes getan – den Kindern, den Mitarbeitern, den Eltern? Möge man beim Texten auch die Implikationen bedenken: Wenn das Gesetz die Kita jetzt gut macht, war sie vorher schlecht? Wenn sie vorher schon gut war, müsste das Gesetz dann nicht Bessere-Kita-Gesetz heißen?

Zugegeben, der ursprüngliche Verwaltungstitel klingt abschreckend:

Gesetz zur Weiterentwicklung der Qualität und zur Teilhabe in der Kindertagesbetreuung

Dennoch lässt sich schon besser verstehen, worum es geht. In bewährter Praxis wurde daraus auf dem Deutschen Bildungsserver:

KiTa-Qualitäts- und -Teilhabeverbesserungsgesetz – KiQuTG

Diese Kürzel sind uns vertraut, auch wenn sie ebenfalls nicht recht verständlich sind. Am 1. Januar hieß das Gesetz noch so. Dann kam jemand aus der Strategieabteilung: „Psst – das versteht kein Mensch, und erst recht keiner unserer (künftigen) Wähler. Lasst uns doch was Leichtverständliches, Griffiges als Namen wählen.“

Gut – allgemein

Wer als Texter vor der Frage steht, wie sich hier noch die Kohlen aus dem Feuer reißen lassen, tut gut daran, sich an Grundlegendes zu erinnern. Ludwig Reiners 1. Stilregel in seiner berühmten Stilfibel lautet:

Wählen Sie den besonderen Ausdruck, nicht den allgemeinen!

Er erläutert: „Bequemer ist es natürlich, sich mit allgemeinen Ausdrücken zu begnügen. . . .  Die allgemeinen Phrasen entstammen einer Wirklichkeitsverdünnung, einer Blindheit für das Gegenständliche, einem Mangel an Erfahrung, einer Unwissenheit, die durch die Unbestimmtheit des Audrucks vehüllt werden soll.“ Reiners formuliert scharf und ich würde größtenteils zustimmen. Ich neige allerdings dazu, den Schöpfern des Gute-Kita-Gesetzes andere Motive zu unterstellen.

Wenn Sie dem ersten Link folgen, lesen Sie im zweiten Absatz:

Neben Maßnahmen zur Weiterentwicklung der Qualität kann auch die Teilhabe durch eine Entlastung der Eltern bei den Gebühren verbessert werden.

Gut als Hüllwort

Teilhabe als Hüllwort für Gebührensenkung oder gar -erlass – das ist hübsch, führt aber zu einer wichtigen, vielleicht der eigentlichen Absicht. Auch am Ende des Beitrages der Tagesschau vom 25.4. (ab 4:59), der die zuständige Ministerin Giffey in einer Bremer Kita zeigt, stellt sich heraus (ach, diese menschelnden Bilder): „Kita für alle“ steckt als Zweck hinter der guten Kita. Die 45 Millionen Euro, die Bremen zugesagt werden, werden zur Hälfte dafür verwendet, die Kitagebühren zu senken.

Das könnte man doch auch sagen, oder? Ist man sich zu fein, um die Dinge beim Namen zu nennen? Möchte man die Steuerzahler nicht mit der Nase darauf stoßen, wohin die insgesamt 5,5 Milliarden Euro ihrer Steuern fließen? Schämt man sich für den kühlen monetären Aspekt? Ist er zu banal, verrät er zuviel über die eigentliche Absicht des Vorhabens? Offenbar, denn lieber wählt man den verhüllenden allgemeinen Namen.

Ich stelle gern die Frage, wem etwas nützt. Cui bono – wie liegt der Fall hier? Mit einem leicht-verständlichen Gute-Kita-Gesetz zielen die Schöpfer womöglich auf die Stimmen der kinderreichen, des Deutschen im Zweifel aber noch nicht (so) mächtigen Neubürger, deren Nachwuchs jetzt in die Kitas kommt bzw. sie noch leichter besuchen kann. So geht Stimmenfang, mal ganz praktisch, Verzeihung: strategisch gedacht.

Verständlich, aber sachlicher wäre also gewesen:

Gesetz für eine gebührenfrei Kita mit höherer Qualität

Oder, wenn man es knackiger in der Kopplungsschreibung bevorzugt:

Kita-für-alle-Gesetz, Freie-Kita-Gesetz oder Gratis-Kita-Gesetz

Wäre nicht jede Alternative klarer und aufrichtiger?

Gutes Zusammenleben bei Twitter

Gut verhüllt die Angst vor Streit

Gutes Zusammenleben: Der Wunsch nach einem gedeihlichen Auskommen

Nicht, dass Sie denken, ich würde mich nur an einem Beispiel abarbeiten: Die unverbindliche Freundlichkeit des Adjektives gut lässt sich auch in Sozialen Medien gezielt einsetzen.

. . . damit vor Ort gutes Zusammenleben gelingt,

twitterte Landwirtschaftsministerin Klöckner kürzlich.

In diesem Fall ist es einfach, denn es liegt eine Redundanz vor. Da gelingen positiv ist, das Gute also beinhaltet, kann man hier schreiben:

. . . damit vor Ort das Zusammenleben gelingt.

Meinetwegen auch:

. . . damit vor Ort das Zusammenleben gut gelingt.

Gutes Gelingen ist als Redewendung geläufig, gutes Zusammenleben klingt künstlich, nach Kirchentag oder Soziologenjargon und vor allem nach einer beschwichtigenden Ausrede. Der Tweet ist doch eindeutig: Es geht um ein

friedliches Miteinander

oder

harmonisches Auskommen

von einheimischer Bevölkerung und Asylanten. Ich hätte das textlich zutreffender gefunden, und Hr. Reiners hätte mir zugestimmt.

Gute Arbeit

Der DGB hat sich bei dem Schlagwort von der guten Arbeit, das mir auf Fernsehaufnahmen von Kundgebungen auf  Transparenten häufig entgegenweht, mehr Mühe gegeben. Auf der Webseite findet sich im Glossar eine Definition, was gute Arbeit ausmacht:

  • faires Einkommen
  • berufliche und soziale Sicherheit
  • Arbeits- und Gesundheitsschutz
  • respektvoller und wertschätzender Umgang zwischen den Beschäftigten einschließlich der Vorgesetzten
  • umfassender und klarer Informationsfluss
  • ausgewogene Arbeitszeiten
  • gute betriebliche Qualifizierungs- und Entwicklungsmöglichkeiten
  • Arbeitnehmermitbestimmung

Sprachlich interessant ist, was dort weiter steht:

Der Begriff „Gute Arbeit“ geht auf den englischen Begriff „Decent Work“ zurück, der wörtlich so viel wie „menschenwürdige Arbeit“ bedeutet.

Decent mit menschenwürdig zu übersetzen, ist eine ziemlich kühne Deutung. Meine Englischkenntnisse aus vier Jahren USA geben für decent anständig her, was Leo bestätigt. Aber meinetwegen. Worauf ich hinauswill: Man sieht hier, wie wieder einmal die Form der Funktion folgt. Gute Arbeit stimmt im Rhythmus wegen der Silbenzahl mit decent work am ehesten überein. Es geht besser über die Lippen als anständige oder gar menschenwürdige Arbeit. Das holpert richtig und ist nicht kundgebungsfähig.

Verhüllen ist populär, auch bei Unternehmen.

One Response to „Gut“: das Ungefähre-Adjektiv-Phänomen
  1. […] Aber so ist ja allgemein der Trend – Verhüllung, Verallgemeinerung, hin zum Ungefähren. Dabei haben wir doch einen breiten Wortschatz geschaffen, um uns möglichst präzise ausdrücken zu können, um Dinge und Phänomene von einander unterscheiden zu können, das Wahrnehm- und Denkbare möglichst genau zu beschreiben. Aber das war früher, als noch die Aufklärung den Zeitgeist beherrschte, das ist jetzt nicht mehr in – s. zum Beispiel den Universalanspruch des Adjektivs gut. […]


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