In Zeitschriften wird so herrlich mit rhetorischen Stilmitteln gespielt. Die Redaktion intouch zum Beispiel nutzt hemmunglos die Alliteration, wie der heutige Eintrag zeigt.

Alliteration bis zum Exzess

Intouch-Ausgabe 8/19: Anfang aller Alliteration (Bildschirmfoto)

. . . wie man so schön sagt, vor allem in der Generation U20. Und wir, also Sie und ich, feiern feste mit. Herzlich willkommen, liebe Leser, zu einer Würdigung. Die Intouch feiert also die Alliteration, wie ich kürzlich festgestellt habe. Oder nüchterner gesagt: Die Redaktion erhebt die Alliteration zum Gestaltungsprinzip beim Texten. Woher ich das weiß? Diese kleine Geschichte geht so:

In meinem Gym gibt man sich Mühe. Das gilt sogar gestalterisch. Zwischen Umkleide und Übungsraum haben die Betreiber  einen wohnzimmerartig dekorierten Abschnitt eingerichtet. Stellen Sie sich ein Ensemble aus Ledersofa und Couchtisch vor, abgeteilt von Birkenstämmen (!), die mich stets an Hans-im-Glück erinnern, und einem Zeitschriftenregal. Während die Gattin nach verrichteter Ertüchtigung dort auf mich wartet, unterhält sie sich mit den bereitgehaltenen Druckerzeugnissen. Gern leiste ich ihr nach meinem Eintreffen ein paar Minuten Gesellschaft und schaue ihr über die Schulter – zuletzt in die Intouch.

Alliteration: 11-mal in einer Ausgabe

Abgesehen davon, dass ich die Namen der Stars zwar kannte, ich sie aber auf den Bildern kaum wiedererkannte, staunte ich über die Überschriften. Gestalterisch vorbildlich sind sie meist auf farbigem Hintergrund deutlich herausgestellt – das trifft nicht unbedingt meinen Geschmack, mir ist es ein bisschen zu bunt und damit zu grell, aber es erfüllt seinen Zweck. An keiner Headline kam ich vorbei. Und so konnte ich nicht umhin festzustellen, dass die Redaktion sehr konsequent alliteriert. Nicht nur einmal fand ich das Stilmittel, sondern insgesamt elfmal (ohne Gewähr). Ich habe die Relation zum Umfang nicht genau ermittelt, aber die Ausgabe dürfte 64 Seiten gehabt haben, und auf gefühlt jeder zweiten Doppelseite fand sich eine alliterierende Überschrift. Achso, ja, Alliteration definiert als

gleicher Anlaut, also Anfangsbuchstabe(n), landläufig Stabreim.

(Die volle Definition hier im Duden.)

So ausgeprägt habe ich es lange nicht erlebt. Es beginnt schon auf dem Titelblatt, auf dem

Camerons Comeback

und ein

Blitz-Baby

die Titelzeilen bilden. Kurz vorm Kollaps könnte man auch noch dazuzählen. Im Heft geht es Schlag auf Schlag weiter:

  • Mila hat die Kälte-Krankheit
  • Ist Eva etwa ein Luxus-Luder?
  • Gaga hat ‘ne Lach-Lähmung
  • Kims Kosmetik macht krank

Dann endlich, nach mehreren Zweiervarianten, die Steigerung auf eine Dreifach-Alliteration:

Putziges Pärchen-Programm

begleitet von einem

Sekten-Schock.

Gekrönt wird das Ganze von einem klassischen Endreim:

Futtern wie bei Muttern.

Da kann das

Fiese Fashion-Fiasko

im hinteren Heftteil nur noch ein lauer Aufguss sein.

Hier finden Sie alle Doppelseiten nochmal im Überblick:

Die ausgeprägte Schreibung der Substantive mit einem Bindestrich (Kopplung) verstärkt das Stilmittel noch.

Die Alliteration in Analyse und Auswirkungen

Online kommt intouch ohne Alliteration aus

Intouch online: Von Alliteration keine Spur (Bildschirmfoto)

Die Alliteration ist ein wichtiges Stilmittel in Magazinen, die Neigung zu „kreativen“ (gemeint sind: assoziative, spielerische) Überschriften unterscheidet das Genre mit am stärksten von Online. Dort ist die nachrichtliche Aussage wichtiger, damit der User versteht, worum es geht. Und die Notwendigkeit, das Hauptkeyword zu wiederholen, zwingt meist auch zum Verzicht auf kunstvolle rhetorische Mittel.

Online finden wir daher nichts davon. Wenn ich die URL richtig interpretiere, ist intouch eine Subdomain von Wunderweib (abgerufen am 12.3.2019). Auch der Banner auf der Seite deutet daraufhin, dass im Netz eine andere Redaktion unter der Marke arbeitet – s. Bildschirmfoto.

Man muss es ihnen lassen – die Redaktion beweist Stilwillen und Gefühl für Reim und Rhythmus. Was ich noch viel mehr bewundere: Wie die Redaktion es versteht, aus nicht mehr als einem Gerücht oder einem Foto eine Doppelseite zu stricken. DAS ist Kreativität. Andererseits habe ich am eigenen Leib erfahren, dass man so leistungsbereit sein kann, wie man will, und das bestmögliche Heft machen kann, wenn der Zeitgeist gegen Dich ist, hast Du keine Chance. Und der Zeitgeist ist gegen Zeitschriften. Möglicherweise wütet er in diesem Segment verstärkt, weil die Promigerüchteküche durch ist. Aber das ist Spekulation. Dafür spräche allerdings der Erfolg vermeintlich authentischer Promiblätter wie Barbara. Da hat man den Promi dann jeweils ab Quelle.

Am Auflagenrückgang wird der Einsatz des Stilmittels also nichts ändern, wenn wir einen Blick auf die Auflagenkurve der letzten Zeit werfen. Der Verkauf ist im Lauf des Jahres 2018 lt. IVW von gut 127.000 Exemplaren im 1. Quartal auf 100.000 Exemplare. im IV. Vierteljahr abgesackt. Und ich ahne, dass der broken link checker den Link zum Online-Auftritt in nicht allzuferner Zukunft als tot melden wird.

Allerdings gebe ich gern zu: Lieber so als sperrige Überschriften – die sich meist leicht vermeiden lassen.

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