Von Rouleau zu Rollo in 50 Jahren: Zum Jahresende ein Schmankerl zur Evolution der Rechtschreibung.

Fundstelle S. 8: Rouleau statt Rollo

„Mein Michael“ – Titel der Suhrkamp-Ausgabe (Bildschirmfoto)

Vor drei Tagen, am 28., starb der israelische Schrifsteller Amos Oz. (Und nicht: ist gestorben, wie man so oft liest – der Tod ist ein unerbittlicher Gegner, der seine Handlungen in aller Regel in der Vergangenheit abschließt.) Von Oz habe ich schon meiner Tochter Sumchi vorgelesen, eine ebenso kluge wie warmherzige Geschichte. Das traurige Ereignis inspirierte mich zum fast schon obligatorischen Gang in die heimische Bibliothek.

Dort fand ich „Mein Michael“, einen Roman über das Scheitern einer Ehe, in einer Suhrkamp-Ausgabe von 1989. Die gebundene Ausgabe stammt aus dem Jahr 1968. (Trotz Vorzeitigkeit Gegenwart; mit diesem Kunstgriff vermeiden Sie das sperrige Plusquamperfekt war erschienen.)

Rouleau statt Rollo bei Suhrkamp

Rouleau statt Rollo: Unbearbeitete Fundstelle in der Leseprobe (Bildschirmfoto)

Von Rouleau zu Rollo

Gleich zu Beginn auf S. 8 findet sich in einer Labor-Szene, in der das Paar sich kennenlernt, der Satz:

Die Rouleaus waren heruntergezogen, um das Tageslicht abzuschirmen.

Ja, so war das 1968 noch, als zum Beispiel das Weiße Album der Beatles erschien, das gerade sein 50-jähriges Jubiläum feierte: Man schrieb Rouleaus, in der alten französischen Form. (Die Seitenzahl im Bild weicht ab, weil die Leseprobe mit einem Vorwort angereichert wurde.)

Ganz banal gesagt: So ändern sich die Zeiten. Denn heute schriebe man, und das schließt mich ein:

Die Rollos waren heruntergezogen, um das Tageslicht abzuschirmen.

Und zwar schriebe ich das, ohne mit der Wimper zu zucken. Im Gegenteil: Rouleau kam mir beim Lesen ungewohnt und veraltet vor. (Der Duden führt die alte Form noch.) Gleichzeitig wurde ein Prozess ausgelöst, der mit einem Innehalten begann, ein Nachdenken nach sich zog und mit diesem Beitrag endet: Warum sich wehren? Warum in hartnäckigen Verteidigungskämpfen Schreibungen bewahren?

Sprache wird benutzt, um sich zu verständigen, um Verständigung zu ermöglichen, und solange das funktioniert, ist der Rest Ästhetik und Eitelkeit. Kurzum: Veränderung ist ein unaufhaltsamer, kontinuierlicher Vorgang.

Ich habe mir vorgenommen, den Wiederstand aufzugeben. Runter mit der Rüstung. Einzige Bedingung: Meine Sprache soll weiterhin präzise sein. Also zum Beispiel aus Wörtern statt Emojis bestehen. 😉

Provokationsmodus aus. Rutschen Sie gut rüber. Bis nächstes Jahr.

P.S. Hier kommt noch eine Fortsetzung, falls Sie mehr über neue Schreibungen wissen möchten, die sich nicht durchgesetzt haben.

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