Ein Fremdwort, auf das man im Feuilleton immer wieder stößt, ist idiosynkratisch. Was bedeutet es, und warum wird es verwendet.

Kritiker lieben es, idiosynkratisch zu sagen

Feuilletonliebling idiosynkratisch (Bildschirmfoto aus der Süddeutschen Zeitung)

Neulich fand ich es wieder in einer Buchbesprechung der Süddeutschen Zeitung.

Sie (die Helden, Anm. d. Red.) sind einsam und idiosynkratisch.

Da stolpert der geneigte Leser kurz und fragt sich, was uns der Autor denn nun sagen will. Googeln wird nötig; wer die alte Schule noch genossen hat, blättert im Fremdwörterduden, sofern die Energie dafür reicht.

Was bedeutet idiosynkratisch?

Idiosynkratisch ist eins der vielen Bildungswörter, das man eigentlich nicht braucht. Es gibt dafür ein leicht verständliches anderes Wort:

Überempfindlich (in medizinischem Zusammenhang)

In der Psychologie beschreibt das Wort den Umstand, dass jemand

von unüberwindlicher Abneigung erfüllt ist und darauf abweisend reagiert.

Quelle: Duden

Warum wird idiosynkratisch trotzdem verwendet?

Das hat zwei Gründe, einen sachlichen und einen soziologischen.

  1. Da ist einmal der Wunsch, möglichst präsize und konzentriert, also mit hoher Informationsdichte zu formulieren,  möglichst mit nur einem einzigen Wort eine Eigenschaft zu beschreiben. Das geht bei idiosynkratisch gerade in der zweiten Bedeutung nur mit dem Fremdwort. Allerdings wäre es möglich, ersatzweise abweisend oder feindselig zu sagen. Das passt im Beispiel oben ganz gut, verkürzt aber die Aussage geringfügig. Oder man verwendet eine Phrase statt nur eines Wortes. Das würde aus dem Satz oben machen:

    Sie sind einsam und von starker Abneigung erfüllt.

    Das ist geringfügig länger, aber wesentlich leichter verständlich, ohne die Bedeutung zu verändern.

  2. Bildung ist ein Elfenbeinturm, in den manche sich gern zurückziehen, um unter sich zu sein und das gemeine Volk hinter sich zu lassen. Manche von uns spüren den Drang oder die Notwendigkeit, mit ihrer Bildung und Belesenheit aufzuschneiden, und die sagen dann lieber idiosynkratisch. Der Mechanismus ist simpel: Wer ein solches Wort kennt oder verwendet, erwartet Anerkennung, vielleicht sogar Bewunderung und Verehrung vom Leser. Dieses Verhalten findet sich in bestimmten Berufsgruppen, z.B. bei Professoren, Anwälten oder Journalisten. Dort hat man auch gruppenintern einen Ruf zu verteidigen, und je mehr Bildung man zeigen (oder vortäuschen) kann, desto besser gelingt das, weil damit ein höherer Status verbunden ist. Wir reden über Dünkel, Hochmut, Einbildung. Sprache und Bildung sind ein bewusstes Mittel zur elitären Abgrenzung und für Rangverteilungsrituale, wie wir sie aus vorzeitlichen Stämmen oder dem Tierreich kennen. Die Bildungswörter wirken wie ein geheimer Code und spalten (oh ja) die Leserschaft in die Wissenden und die Dummen, in oben und unten, in Mitglieder und Mob.Machen wir uns nichts vor: Die Verwender eines solchen Wortes tun genau das, was sie anderen gern vorwerfen. Die Verwendung ist ein Akt der Unterwerfung. Und sie wollen gar nicht verstanden werden, obwohl sie publizieren.

Falls Sie noch weitere Aufklärung zu schrägem Feuilletonvokabular suchen, hätte ich hier eine kleine Liste für Sie.

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