Hochsommerliche Temperaturen und Trockenheit ließen die Medien zuletzt über eine Heißzeit spekulieren. Das eigentümlich zusammengesetzte Wort führt zu der Frage, wie neue Wörter eigentlich gebildet werden.

Heißzeit, Dürre oder Hitzeperiode

„Die Zukunft liegt in öder Dürre“ – Der Dichter Novalis zur Heißzeit (Bildschirmfoto)

Wenn Sie ein Wort neu schöpfen, stehen Sie vor der Wahl.

Sie fragen sich, wie bilde ich es? Was in der Praxis oft mit der Frage verbunden ist: Kenne ich eine Regel, die ich zugrunde legen kann? Oder erkenne ich eine Analogie, nach der ich es bilden kann? Sie könnte mir helfen, das Wort zu schöpfen.

Wie so oft steht der Texter vor der Qual der (Wort-)Wahl. Welchen Namen gebe ich dem Kinde?

Sehen wir uns ein Beispiel an: Die Heißzeit, die dieser Tage durch die Medien geht. Denn der Sommer war bisher heiß, es gibt den Klimawandel, und beides zusammen regt die Fantasie der Schaffenden an. Zack ist sie da, hier z.B. in einem Bericht der Tagesschau vom 7.8.2018.

Das Wort soll einen Gegenpol zur geläufigen Eiszeit bilden. Eis ist ein Subjekt, heiß ein Adjektiv.

Heißzeit aus Mangel an einem sinnvollen Substantiv

Legen Sie die innere, unsichtbare Regel zugrunde, nach der Worte auf gleichen Wortgruppen gebildet werden, müssten Sie ein Gegenstück zur Eiszeit mit einem Subjekt bilden. Was ist das logische Gegenstück zu Eis, gemessen an der Temperatur?

Das wäre zum Beispiel Wasserdampf, sofern man man sich auf den Wechsel des Aggregatzustandes beschränkt. Doch diese Assoziation kann ich nicht gebrauchen, denn Wasserdampf ist feucht.

Oder Feuer. Aber die Feuerzeit legt andere Assoziationen nahe, Apokalyptisches, Brände, Plünderungen. Das lenkt vom Klima ab.

Wenn ich das Gegenteil zur Eiszeit bezeichnen will, wäre ich dann bei der Trockenzeit. Dafür finden wir im Duden das Wort Dürre. Trocken ist ein Adjektiv; subjektivisch gebildet wäre die Hitzeperiode die Analogie, wie sie der Duden auch schon kennt.

Heißzeit als pragmatischer Kompromiss

Nur dass die Heißzeit im Vergleich zur Hitzeperiode griffiger, plakativer und dramatischer klingt und damit medial wesentlich  besser zu verwerten ist. Warum? Sie besteht aus

  •  nur zwei statt vier Silben, was es kürzer und rhythmischer macht.
  • zweimal demselben Vokal, während die Hitzeperiode auf gleich fünf Vokale kommt, die auch noch unterschiedlich gesprochen werden.

Außerdem: Wir kennen die Warmzeit und könnten die Heißzeit als Steigerung davon verstehen. Von den Lauten her klingt die Heißzeit mit der Steinzeit verwandt, was den Verkäufern schlechter Nachrichten zusätzlich in die Karten spielt.

Neben den sprachlichen Argumenten gibt es wohl auch inhaltliche Unterschiede. Die Hitzeperiode und die Dürre sind nur auf ein paar Wochen oder Monate begrenzt, während mit der Heißzeit eine Periode von Jahren, Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten bezeichnet werden soll.

Ist denn die Heißzeit wirklich eine Neuschöpfung? So ganz neu sind weder das Wort noch die Erkenntnis. Der Meteorologe Mojib Latif, den die Tagesschau zitiert, erwähnte sie schon 2010 im Interview mit dem DLF.

Eine Neuschöpfung ganz anderer Art ist das Feierbiest.

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