Ankerzentren für Flüchtlinge sind in aller Munde. Doch woher kommt die Bezeichnung eigentlich – und wofür steht sie?

Ankerzentren sind ein Akronym

Neubegriff mit unklarer Aussage: Anker werfen im neuen Territorium?

Heute mal wieder was aus der Abteilung praktisches Wissen mit Nutzen für den Alltag. Wenn Sie in den letzten Tagen Nachrichten gesehen, gehört oder gelesen haben, kamen Sie kaum um den Begriff Ankerzentren herum – und durften ein neues Wort in den Medien begrüßen. Sachlich gesehen werden die geplanten Lager für Asylantragsteller damit bezeichnet.

Vielleicht haben Sie sich bei der Gelegenheit auch gefragt, warum man eigentlich eine Metapher aus der Seefahrt verwendet? Sicher, der Trend zu Euphemismen spielt hier rein. Misstrauische Denker wissen: Verschleiern ist Trumpf, denn so kann niemand mehr auf den ersten Blick den wahren Zweck einer Einrichtung, Ware oder Dienstleistung erkennen. Wissen Sie zum Beispiel, warum Remondis, Talanx oder Envivas so heißen und was sich dahinter verbirgt?

Daneben ist die Anker-Metapher nicht ganz falsch. Wer nach Deutschland kommt, so könnte man interpretieren, soll hier eine erste Anlaufstelle finden, erstmals seinen Anker im neuen, sicheren Hafen Deutschland werfen, um im Bild zu bleiben. Doch wäre der Anker nicht gleichzeitig zynisch gegenüber denen, die die Gefahren einer Fahrt übers Mittelmeer auf sich genommen haben? Dieser Gedanke spräche eindeutig dagegen, dass der Anker nur eine bildhafte Beschreibung sein soll. Warum also der Anker?

Ankerzentren – ein Akronym

Ich bin der Sache nachgegangen und wurde fündig. Der Anker in den Ankerzentren ist demnach ein Akronym, also ein Wort aus Anfangsbuchstaben. Der Begriff wurde mit Datum vom 14. März im Koalitionsvertrag der Bundesregierung veröffentlicht, den Sie hier herunterladen können. Auf S. 105 der PDF-Datei finden Sie ihn in Zeile 4.917. Es steht für

  • An kunft
  • K ommunale Verteilung
  • E ntscheidung
  • R ückführung

Das heißt, das gesamte Asylverfahren wird nicht nur räumlich in den Ankerzentren gebündelt, sondern auch gedanklich im Namen. Das n müsste man innerhalb der Großbuchstaben kleinschreiben, weil es noch zum ersten Buchstaben gehört.

So ganz eindeutig ist diese Zurordnung allerdings nicht. Die Wikipedia bietet als Erklärung, AnkER stehe für Ankunft, Entscheidung und Rückführung. Die kommunale Verteilung fehlt in dieser Variante, obwohl sie in Zeile 4.917 ausdrücklich genannt wird In Zeile 4.914 dagegen steht A für Aufnahme statt für Ankunft. Naja, wahrscheinlich waren die Koalitionäre nach langen Verhandlungen müde.

Die politische Berichterstattung kennt so schöne Metaphern. Wie finden Sie die Atempause?

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