Entdeckungen in dieser Woche zu zwei Plakaten in München, die über die Beobachtung einer dazugehörigen Webseite zu einem Plädoyer für ein Lektorat führen.

Rarität in Versalien: Süßstoffe mit drei s.

Zum Klischee des Reporters, der noch immer in mir steckt, gehört im selbstverliebten Duktus der Branche die Neugier. Ich spreche lieber von offenen Augen, mit denen ich durch München gehe und fahre.

Als Ouvertüre zum heutigen Beitrag möchte ich eine Rarität  zeigen – auf diesem Plakat sah ich so groß wie nie ein Wort mit drei selben Konsonanten: Süssstoff. Diese Schreibung ist der Tatsache geschuldet, dass die Kampagne sich typografisch an der Marke orientiert und Versalien, Großbuchstaben also,  verwendet. Wobei zu sagen wäre, dass es seit 2017 auch ein großes ß gibt, man also eine Alternative gehabt hätte.

Mövenpick-Claim mit Relativsatz

Und so entdeckte ich in dieser Woche noch ein zweites Plakat, das mein Hauptthema sein soll. Auf ihm wird für Mövenpick-Eis geworben. Der Claim der aktuellen Mövenpick-Kampagne lautet:

Was zählt sind unsere Momente

ohne Punkt und Komma, aber das soll hier nicht das Thema sein, sondern die Formulierung, die ziemlich umständlich einen  Relativsatz bemüht. Der lust- und erlebnisorientierte Ansatz gefällt mir, ich glaube, da wurde der Zeitgeist im Konzept gut beobachtet und auf den Punkt gebracht, aber was spräche gegen

Nur unsere Momente zählen.

Diese Version fließt für mein Empfinden besser, da sie auf einen Nebensatz verzichtet und noch ein Wort kürzer ist. Gerade in der Plakatwerbung liegt hier die Würze, weil die Kontaktzeit extrem kurz ist.

Warum ein Lektorat sinnvoll ist

Zwei grobe Fehler in einem Absatz – der Verzicht auf ein Lektorat rächt sich.

Ich habe zwar oben gesagt, dass Punkt und Komma in diesem Beitrag kein Thema sein sollen. Und ich habe auch gerade gestern erst meinem lieben Kollegen Uli Weißbrod erklärt, dass es in diesem Blog nicht um Rechtschreibung, sondern um Sprachgebrauch in den Medien geht. Da mag ihm das Folgende als Widerspruch vorkommen, aber dem würde ich entgegenhalten, dass fehlerhafter Sprachgebrauch ein Anzeichen für den Umgang mit Sprache ist. Vor allem dann, wenn es so gehäuft, also grob fahrlässig geschieht wie hier.

Daher muss ich auf die erste Fundstelle weiter unten auf der Webseite hinweisen – s. Bildschirmfoto. Der Unterschied zwischen Verb und Substantiv, also liebe und Liebe, verschwimmt auch unter denen, die professionell mit Texten zu tun haben, immer mehr, seit die Autokorrektur eines Smartphones jedes Verb erstmal zum Substantiv erklärt, das man manuell wieder klein schreiben muss. Aber dass Liebe in diesem Zusammenhang ein Hauptwort und kein Tätigkeitswort ist, sollte auch dem Texter klar gewesen sein.

Und dann ist da noch der Call to Action:

Jetzt unserer Eissorten entdecken.

Tja, also, dieser Blog ist auch nicht fehlerfrei, was zugegebenermaßen daran liegt, dass ich kein Lektorat beschäftige, hauptsächlich aus einem organisatorischen Grund, weil ich den Blog in seiner Entstehung einfach halten möchte. Doch größere Unternehmen sollten in ihrer Werbung darauf nicht verzichten. Jeder gute Lektor hätte das überflüssige r in unserer entdeckt und entfernt. Ich empfehle die freundlichen Kollegen von Lektornet. Die schreiben auf ihrer Webseite so richtig:

Jede Publikation sollte – schon aus Respekt vor dem Leser – korrekt gesetzt sein.

Dem würde ich vorbehaltlos zustimmen, und die Frage müsste sich Mövenpick m.E. auch stellen.

Haribo hat die Textmenge in seiner letzten Plakatkampagne optimal gelöst – und den Inhalt auch.

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